Yachad Köln

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Yachad Köln war in den 1990er Jahren eine Gruppe für jüdische Lesben, Schwule unde Bisexuelle


Entstehung

Der hebräische Begriff Yachad wird in mehreren Zusammenhängen verwendet, er bedeutet ‚zusammen', ‚gemeinsam‘. Eine Vereinigung dieses Namens wurde Ende Juni 1995 in Köln als Zusammenschluss von lesbischen, bisexuellen und schwulen Jüd:innen gegründet.[1] Die Mitglieder präsentierten sich wenige Tage später beim CSD in Köln.[2] Die Aktivist:innen trugen „ein regenbogenfarbenes Transparent mit dem Davidstern darauf vor sich her. Das war das erste öffentliche Auftreten und sozusagen die Geburtsstunde von ‚Yachad‘.“[3]

Gruppencharakter

Gestartet ist die Gruppe mit sechs Personen, darunter mehr Männern als Frauen.[4] Teils waren sie Sephardim, teils Ashkenasim mit „unterschiedlichen traditionellen und religiösen Hintergründen.“[5]

„Wer sind wir? Eine Gruppe lesbischer, schwuler und bisexueller Jüdinnen und Juden. Wir sind zwischen Anfang 20 und Mitte 70, leben in verschiedenen Bundesländern, arbeiten in allen Berufszweigen und kommen z.B. aus England, GUS, Österreich, USA, Israel und Deutschland.“[6]

Die Gruppe hatte keinen eigenen Raum, Kontaktadresse war das glf-Sozialwerk, der Vorläufer des späteren Beratungszentrums Rubicon.

Ziele

Ein Ziel des Zusammenschlusses war, (nach heutigem Wortgebrauch) queere Menschen im Judentum sichtbar zu machen und dabei auch die jüdische Identität zu stärken. Besonders in orthodox geprägten Milieus stießen Homosexuelle auf massive Abwehr bzw. Homophobie. Rein religiöse Anliegen wurden nicht verfolgt. Privat begingen sie mit Gleichgesinnten die jüdischen Feiertage - „auf andere Art“.[7]

„YACHAD gibt allen die Möglichkeit, ihre individuelle Einstellung zu ihrem Jüdischsein und zu ihrem/seinem Lesbisch-, Schwul- und Bisein auszudrücken. Was wollen wir? Mit den oben genannten Unterschieden wollen wir unsere schwule/lesbische/bisexuelle und jüdische Identität stärken.“[8]

Rassismus und Antisemitismus, aber auch Gewalt gegen Lesben und Schwule, Gleichberechtigung von Mann und Frau oder Hilfe beim Coming-Out oder auch die (Nicht-)Existenz von Rabbinerinnen waren Themen der Treffen. Daneben galt es auch, die queeren Gojim bzw. Gojoth (Nichtjuden/-Jüdinnen) über ihre Existenz aufzuklären. Die Kölner Gruppe plante Projekte und Veranstaltungen u. a. zur „Geschichte der Verfolgung von schwulen, lesbischen und bisexuellen Juden und Jüdinnen im dritten Reich“.[9] Sie beteiligten sich am Gedenken an die jüdischen Opfer des Holocaust am Mahnmal für die homosexuellen Opfer des NS am Rheinufer. „Was hoffen wir? Daß sich eine immer größere lebendige schwul/lesbisch/bisexuelle jüdische Gemeinschaft durch YACHAD bildet (offen für Angehörige und Freunde), die die oben genannten Ziele weiterentwickelt und neue Ideen einbringt.“[10] Die Hoffnungen erfüllten sich nicht, die Kölner Gruppe bestand nicht lange.

Entwicklung zu YACHAD Deutschland

Weitere Interessierte aus unterschiedlichen Bundesländern meldeten sich bald und bildeten ggf. eigene Gruppen vor Ort, so in Berlin, Hamburg, München, Frankfurt bzw. im Rhein-Main-Gebiet.

„Wir trafen uns hin und wieder zu Feiertagen und zum Schabbat. Dazu luden engagierte Mitglieder oft auch zu sich nach Hause ein. Zum Beispiel wurde am Schabbat auch ein Kiddusch-Gebet gesprochen und die religiösen Mitglieder haben einen eigenen Siddur, ein jüdisches Gebetsbuch, zusammengestellt. Es gab auch einen jüdischen Salon mit Lesungen und wir haben am CSD mit einem Wagen teilgenommen, was wahrscheinlich der erste eigene jüdische Wagen auf einer CSD-Parade in Europa war“.[11]

Auch die anderen Ortsgruppen lösten sich bis Ende der 1990er Jahre wieder auf. Kurz vor Beginn der Pandemie fanden sich 'Yachadniks' wieder zusammen und trafen sich seit Herbst 2021 regelmäßig im Rhein-Main-Gebiet.[12] Im Januar 2022 wurde in Frankfurt am Main YACHAD Deutschland als Verein mit Sitz in Hattersheim am Main neu gegründet:

„Nach über 20 Jahren ist es an der Zeit, YACHAD wieder aus dem Tiefschlaf zu holen. David Moskovits und Johannes 'Hans' Aaron Andrees starteten die Initialzündung und fanden schnell anklang (sic).“[13]

YACHAD Deutschland ist – der zwischenzeitlichen Entwicklung der queeren Community entsprechend – für Menschen jeder sexuellen Orientierung und jeder religiösen Strömung, die einen Raum für aktives jüdisch-religiöses Leben nutzen wollen, offen. Der Verband respektiert neben der konfessionellen die kulturelle Identität als Jüdin/Jude, lädt auch Übertrittswillige ein[14] und intendiert „gemeinsam einen bunten, vielfältigen jüdischen Glauben und die jüdische Kultur zu leben.“[15] „Wir sind nicht speziell religiös ausgerichtet, (…). Bei uns steht die jüdische Kultur im Vordergrund. Natürlich können diejenigen, die gemeinsam religiöse Feste feiern möchten, dies tun, da sind wir wie gesagt ganz offen. Man sollte selbst jüdisch sein, das ist das Bindeglied der Gruppe.“[16]

Der erste Stand auf einem CSD 2022 in Frankfurt wurde mit offenen Armen aufgenomnmen:

„Die Resonanz war überwältigend, fast schon rührend! - Natürlich hatten wir anfangs noch die Befürchtung, keiner würde sich für uns interessieren, aber bereits am ersten Tag, kurz nach dem Aufbau des Standes sammelten sich eine Vielzahl von Menschen, aller Religionen, unterschiedlicher ethnischer Herkunft, alteingesessene Frankfurter sowie Touristen aus anderen Städten und Ländern, Kinder und Senioren an unserem Stand! (…) Es wurden eine Menge Infozettel zum Yachad-Beitritt ausgefüllt, sowie drei Tage hinweg unzählige Gespräche, auch interessante, interreligiöse Dialoge geführt oder es blieben einfach Menschen stehen, die fast zu Tränen gerührt sagten, wie wundervoll es denn sei, dass es uns gibt und wir den Mut haben, hier zu stehen!"[17]

Erstrebt wird langfristig laut Satzung u.a. die Vertretung queer-jüdischer Positionen bei Podiumsdiskussionen und in Medien, aber auch z.B. öffentliche Shabbat Abende zur kulturellen und religiösen Aufklärung. Die Arbeit wird u. a. von der Jüdischen Gemeinde Frankfurt unterstützt.


Literatur

  • Jungmann, Alexander : Die jüdische Homosexuellen-Gruppe ‚Yachad‘, in: ders.: Jüdisches Leben in Berlin. Der aktuelle Wandel in einer metropolitanen Diasporagemeinschaft, transcript Verlag, Bielefeld 2015, S. 509–521.
  • Interview mit dem NeuGründer DAVID MOSKOVITS zum Thema: Gewalt gegen Juden und LGTBQ+ durch rechtsradikale Deutsche und istlamistische Migranten - Ein Randphänomen oder bis heute ein Tabuthema? in Schwulissimo, Juli 2022
  • YACHAD DEUTSCHLAND (HG.): Mir Sajnen Do! Die Zeitung von und für jüdische Schwule und Lesben, Nr. 6 / Juli / August 1997 (Münster).


weblinks


Einzelnachweise

  1. NN: YACHAD [Selbstdarstellung]. In: Meiger, Michael; Rogler, Marianne, Grande, Melanie: Lesben und Schwule in Köln. Das andere Stadtbuch., Köln 1996, S. 382.
  2. Vgl. UC: Yachad, in: RIK 9/1995 S. 3
  3. UC: Yachad, in: RIK 9/1995 S. 3
  4. Dass Frauen unterrepräsentiert waren lag vermutlich u.a. daran, dass es innerhalb der Frauenbewegung (zumindest in Berlin) Zusammenschlüsse von lesbischen Jüdinnen wie den Schabbeskreis seit kurzem bereits gab, vgl. https://meta-katalog.eu/Record/34518ffbiz#?showDigitalObject=&c=&m=&s=&cv=&xywh=&r=.
  5. NN: YACHAD.
  6. NN: YACHAD.
  7. UC: Yachad, in: RIK 9/1995 S. 3
  8. NN: YACHAD.
  9. UC: Yachad, in: RIK 9/1995 S. 3
  10. NN: YACHAD.
  11. https://www.yachad-deutschland.de/j%C3%BCdischer-blog/yachadinterviewgabmagazin
  12. https://www.yachad-deutschland.de/j%C3%BCdischer-blog/csd-frankfurt-2022
  13. https://www.yachad-deutschland.de/
  14. „Deine Vorfahren sind jüdisch, du lebst die jüdische Kultur oder bist sogar halachisch jüdisch durch deine Mutter? Überlegst du zum Judentum überzutreten oder machst gerade ein Gijur? Progressiv oder Orthodox? Bei uns ist jede Ausrichtung und jede Farbe des Regenbogens willkommen.“ https://www.yachad-deutschland.de
  15. https://www.yachad-deutschland.de/
  16. Björn Berndt https://www.yachad-deutschland.de/j%C3%BCdischer-blog/yachadinterviewgabmagazin 14. Oktober 2020 .
  17. https://www.yachad-deutschland.de/j%C3%BCdischer-blog/csd-frankfurt-2022


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