Margarethe Tietz: Unterschied zwischen den Versionen

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Version vom 4. November 2012, 18:37 Uhr

Margarethe C. Tietz (geb. Dzialoszynski, * 1888 in Berlin; † 1972 in London ) war eine Sozialfürsorgerin, Wohltäterin, Kulturförderin und jüdische Emigrantin.
Namensansetzung für die Exilzeit Margret Tietz


Familie und Ausbildung

Margarethe Dzialoszynskis Eltern stammten beide aus 'wirklich jüdischen Familien'. Und beide 'stahlen sich davon', wie sie es beschreibt.[1] Die Mutter kam aus Vilna, wo sie bereits studierte.[2]

Der Vater entstammte der schlesischen Kleinstadt Kempen (damals Provinz Posen, hete Kępno), trug aber einen polnischen Namen.[3] Ihr Großvater war Großhändler.

Der aufgeweckte Vater verließ die Heimat bereits mit 16 Jahren und ging nach Berlin. Dort gründete er eine eigene Firma (Großhandel für Spitzen und Schleier) und heiratete. Die väterliche Familie kam so bereits früh in Kontakt mit dem Warenhaus Tietz. In Berlin besuchte Margarethe Dzialoszynski eine höhere Mädchenschule, an die sie eine Ausbildung für Lehrerinnen anschloss. Diese Ausbildung ermöglichte Mädchen zur damaligen Zeit den Besuch der Universität. Sie begann das Studium der Sozialarbeit, und begann mit dem Unterrichten unterprivilegierter Kinder in Berlin.

1909 heiratete sie den Kölner Kaufmann, Alfred Leonhard Tietz.[4] Er war der älteste Sohn von Leonard Tietz, dem Gründer einer Kette von Mehrabteilungskaufhäusern, Alfred Tietz.[5] Alfred Leonhard Tietz war ab 1914 Leiter der Leonard Tietz AG.


Margarethe Tietz hielt lebenslang einen engen Kontakt zu den sehr gläubigen (überlebenden) Verwandten mütterlicherseits, von denen sie die jüdischen Riten kennen gelernt hatte. Ihr Mann wiederum war sehr mit seiner Familie verbunden, "because this firm grew up in tradition of relatives participating in the venture."[6]

Kölner Jahre und Engagement

In Köln, noch während des Ersten Weltkriegs, besuchte die vermögende Frau die Hochschule für kommunale und soziale Verwaltung, an der ein Abschluss als Sozialbeamtin möglich war. Auch hier gab sie unterprivilegierten Kindern Unterricht.[7] Sie bekam drei Kinder, das erste wurde 1913 geboren, kurz danach wurde ihr Mann für vier Jahre als Soldat eingezogen. Nach dem Lebensbericht hatte der Erste Weltkrieg einen sehr negativen Einfluss auf sie und ihre Umgebung: "All of us were violently against this regime and so there was a volte face, absolute break. We did not break with our tradition, towards our parents ... but ... in our complete attitude we changed copmpletely.".[8]

Beide Ehepartner unterstützen sowohl Kultur- als auch Sozialeinrichtungen in Köln. Während des Ersten Weltkrieges trat M. Tietz sogar nationalen Vereinigungen bei, so dem Vaterländischen Frauenverein, was sie im Nachhinein ironisch kommentierte.[9]

Margarethe Tietz engagierte sich im Israelitischen Frauenverein, ab ca. 1911 im Schwesternverband des Israelitischen Asyls, dessen überregionale Vorsitzende sie zeitweise war, und sie trat dem in den 1920er Jahren in Köln gegründeten Zweigverein des Jüdischen Frauenbundes bei.[10] Sie unterstützte weiterhin den überkonfessionellen Verband für Mutter- und Kindesrecht und die Jüdische Volksküche, die sich vor allem um sog. Ostjuden kümmerte.[11] Laut Prestel gründete Margarethe Tietz ein Sommerlager für berufstätige Frauen und war Mitbegründerin des Kölner Familiendienstes.[12] Sie besuchte 1925 als eine von zehn Frauen die erste preußische Verbandstagung des 1922 gegründeten Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden (intern 'Judenparlament' genannt), der Frauen das aktive und passive Wahlrecht erteilt hatte. [13] Alfred Leonhard Tietz war Mitglied der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei, auch die aktive Ehefrau hing der Ausprägung des fortschrittlichen Liberalimus an.[14]

Laut ihrem Lebensbericht folgte stets ein gesellschaftliches Engagement aus dem Vorherigen. Besonders die enge Freundschaft mit der Leiterin des Sozialamtes, Herta Kraus, beförderte die vielen Aktivitäten. Sie arbeitete zehn Jahre lang eng mit der unkonventionellen städtischen Beamtin zusammen, die Konrad Adenauer als Oberbürgermeister nach Köln geholt hatte.[15]

In der Firma des Mannes hat sie - anders als ihre Schwiegermutter Flora - vermutlich nicht mitgearbeitet.

Engagement

1929 war sie an der Gründung der GEDOK Köln mitbeteiligt. Bis zu ihrem Rücktritt 1933, der einem Ausschluss zuvorkam, war sie eine aktive Kunstförderin. In ihrer repräsentativen Villa mit großem Park im Kölner Nobelviertel Köln-Marienburg (Parkstraße 61) lud sie junge Musikerinnen ein, bei ihr aufzutreten oder zeigte Bilder von Künstlerinnen. Sie feierte gerne Karneval, und das einzige bisher bekannte Bild zeigt sie auf einer Karnevalsfeier.

Enteignung und Exil

Ihr Mann Alfred Tietz musste aufgrund von verstärkten Repressalien gegen den Kaufhauskonzern schon im Frühjahr 1933 aus der Tietz AG, die er seit 1914 leitete, ausscheiden. Das Unternehmen mit Filialen in vielen Städten und auch Kölner Stadtteilen wurde konfisziert, bereits im Juli 1933 'arisiert', alle jüdischen Mitglieder im Herbst 33 aus der Firmenleitung entlassen und das Unternehmen in Westdeutsche Kaufhof AG umbenannt. Die Familie musste ihre Anteile unter Wert an die neuen Eigentümer (Banken) verkaufen. Margarethe Tietz verlor aufgrund der erlassenen Rassegesetze alle ihre Vereinsämter. Bereits am 9. Juli 1933 verließ sie Köln. Der frühe Zeitpunkt zwang sich aus zwei Gründen auf: Die Bedrohung ihres Mannes und die Tatsache, dass beide nicht unter dem Hitlerregime leben wollten. [16] Der ehemalige Generaldirektor Alfred Tietz floh aus Furcht vor antisemitischen Angriffen zunächst ins Saarland, wo er ebenfalls eine Firma besaß. 1934 emigrierte das Paar in die Niederlande.[17] Das Ehepaar Tietz brachte die Schwiegermutter Flora Tietz und die Kinder nach Amsterdam/Holland, kehrte noch nicht einmal zu einer Sitzung nach Köln zurück, um dann endgültig ins Exil zu gehen. Alfred L. Tietz hatte Anteile an einer Firma Bankhof [eher Bijenkorf, die Verf.] in Holland und auch eine Firma in Belgien. Margarethe Tietz gründete einen Club of refugees in Amsterdam. Dort unterrichtete sie abermals, brachte jetzt potentiellen AuswanderInnen Englisch bei. Zudem engagierte sie sich im Jewish Advisory Board und beriet auswanderungswillige Juden und Jüdinnen.

Als die Deutschen 1940 in Holland einzumarschieren drohten, flüchtete die Familie. Als einzige Möglichkeit bot sich noch an, ein Schiff nach Palästina zu besteigen, das letzte Schiff überhaupt dorthin. Es war nicht das Land ihrer Wahl.[18] Nachdem ihr Mann 1941 in Jerusalem mit nur 58 Jahren verstorben war, war die ehemalige Millionärsgattin, die so reich gespendet hatte, erstmals gezwungen, Geld zu verdienen. Sie eröffnete in Jerusalem (Stadtteil Talpiot) ein Guest House, das sehr erfolgreich wurde und finanzierte damit u.a. das Medizinstudium der Tochter.[19]

Neue Aufgaben in USA

1948 - um die Zeit der Gründung des Staates Israel - migrierte sie nach siebeneinhalb Jahren in Palästina nochmals, diesmal in die USA. Sie empfand die Umwälzungen in Palästina als autoritär und gewaltsam. Amerika hatte dem Ehepaar schon in Amsterdamer Zeiten als Land der Freiheit und eines Lebens ohne Angst vorgeschwebt. Margarethe Tietz hatte enge Freunde an der Westküste und Verwandte in den USA. Als wichtigster Kontakt stellte sich jedoch die anhaltende Freundschaft zu der Quäkerin Herta Kraus heraus, die der 60jährigen Frau ein Jobangebot machte.[20] Ein Altenheim der Quäker und Selfhelp für Flüchtlinge aus 'Zentraleuropa' musste von New York (Christadora) nach Newark (Newark House, Tenth street) verlegt werden. M. Tietz übernahm bis 1961 die Leitung. Sie arbeitete sich an der New York University in die wenige Literatur über Gerontologie ein. Das Haus wurde so eingerichtet, dass die (intellektuellen) Bewohnerinnen verschiedener Konfessionen ein sozial aufeinander bezogenes Leben mit einer größtmöglichen Unabhängigkeit leben konnten, - ein Modell, wie es Hertha Kraus bereits bei den Riehler Heimstätten in Köln installiert hatte.

Margarethe Tietz glaubte nicht an ein verändertes Deutschland. Sie kam nur noch selten nach Deutschland und nur an einem einzigen Tag nach Köln. Als ärgerlich empfand sie, dass die Kaufhof AG ihr sogenanntes 75jähriges oder später 100jähriges 'Jubiläum' beging, indem sie die Zeit als Firma Tietz mit einrechnete.[21] Befragt nach ihrer Identität antwortete die über 80jährige, sie sei nicht Deutsche, nicht Amerikanerin, sie identifiziere sich nicht mehr mit einer Nation, sondern gehöre zur Gruppe der 'latecomers', nicht einmal der jüdischen 'latecomers'. [22]

Die aktive engagierte Frau starb 1972, im Alter von 84 Jahren, vermutlich in London.[23]

Ehrung

Es gibt ein Margret Tietz Center in Jamaica NY, 722 Springdale Drive


Interview

Literatur über Margarethe Tietz

  • Barbara Becker-Jakli: Das jüdische Köln. Geschichte und Gegenwart, Köln Emons 2012
  • Jewish immigrants of the Nazi period in the USA, hrsg. von Herbert A. Strauss, New York, K. G. Saur, 1978-92, volume 3, part 1 (Guide to the oral history collection of the Research Foundation for Jewish Immigration, New York, compiled by Joan C. Lessing).
  • Kurzbiographien zur Geschichte der Juden 1918-1945, hsrg. von Jospeh Walk, München u.a. 1988, S. 366.
  • Claudia Prestel: Frauenpolitik oder Parteipolitik? Jüdische Frauen in innerjüdischer Politik , in: Archiv für Sozialgeschichte, H. 37 1997, http://library.fes.de/jportal/servlets/MCRFileNodeServlet/jportal_derivate_00022756/afs-1997-121.pdf
  • Zur ersten Übernahme der Firma 1933 durch einen Mitarbeiter: Kari-Maria Karliczek (Hg.) Kriminologische Erkundungen. Wissenschaftliches Symposium aus Anlass des 65. Geburtstages von Klaus Sessar, 2004 (= Reihe: Berliner Kriminologische Studie, Bd. 6) ISBN 3-8258-8013-3
  • ggf. TIETZ, GEORG: Hermann Tietz. Geschichte einer Familie und ihrer Warenhäuser. DVA, 1966, 214 p.

Einzelnachweise

  1. "The Jewish background was that both my parents were brought up in real Jewish households. But they both shrunk away from it, as all the assimilated Jews in Germany, or very many, did." Interview, S. 4
  2. Interview
  3. Interview
  4. Interview
  5. http://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_Leonhard_Tietz
  6. Interview, S. 7
  7. Interview
  8. Interview, S. 7
  9. "And it's very ironic. But I never accepted anything where I had to deny being Jewish, although they often mistook me for not being Jewish, I sensed it." Interview, S. 5
  10. http://library.fes.de/jportal/servlets/MCRFileNodeServlet/jportal_derivate_00022756/afs-1997-121.pdf, A. 137, Anm. 101; Interview, S. 5
  11. M. Tietz nennt die Einrichtung im Interview The Wall, vgl. S. 42
  12. http://library.fes.de/jportal/servlets/MCRFileNodeServlet/jportal_derivate_00022756/afs-1997-121.pdf, S. 137, Anm. 101; in ihrem Interview erwähnt sie ihre Beteiligung an der Gründung eines "homemaker service" in Köln, Interview S. 6
  13. Blätter des Jüdischen Frauenbundes, 1, August 1925, S. 14
  14. vgl. Prechtel
  15. "... I worked together for many years with the City of Cologne, and for ten years I worked together with administrator of social work on Cologne, who was directly under the mayor of Cologne and so, this is how I got carried on from one organization to the next organization." Interview, S. 6
  16. "First of all, neither my husband nor myself wanted to live under an authoritarian regime. That was number one. Possibly this was number two. ... my husband at that time had to hide, always because they were looking for him, and at that time, at that board meeting [in Berlin, d. Verf.] they said that one of the reasons was to get rid of all these Jewish employees, and my husband got up and said, 'I resign'."
  17. O-Ton, Albert Ulrich Tietz: "Mein Vater mit seinem Namen war sehr gefährdet. ... Zum Boykott, am ersten April waren wir schon nicht mehr in Deutschland. Mein Vater kam aus Berlin zu einer Generalversammlung von Bijenkorf nach Amsterdam. Und meine Mutter, meine Großmutter und ich sind morgens, um nicht aufzufallen, mit einem Eilzug, morgens um fünf Uhr in Köln weggefahren, in Nimwegen umgestiegen, um dann über den ersten April weg zu sein. Und dann sind meine Eltern nachher zurück nach Köln. Bis meine Mutter dann ein paar Tage später angerufen wurde, von einem sehr treuen Herrn im Geschäft, einem Angestellten, der gesagt hat: "Ich hab irgendwo, bei `ner Versammlung gerade gehört: ‚Es wird jetzt Zeit. Jetzt nehmen wir den Tietz `mal hopps.' " Worauf mein Vater also sofort, bzw. unser Chauffeur meinen Vater sofort nach Saarbrücken gebracht hat." www.martinschlu.de/kulturgeschichte/zwanzigstes/nszeit/tietz/tietz1.htm
  18. Alfred Tietz hat sich alledings schon 1926 für die Palästina-Auswanderung stark gemacht: http://books.google.de/books/about/Deutsches_Komitee_pro_Pal%C3%A4stina_zur_F%C3%B6.html?id=ygsbAAAAIAAJ&redir_esc=y ; http://books.google.de/books/about/Ein_werdendes_Land.html?id=9SEbAAAAIAAJ&redir_esc=y; Deutsches Komitee pro Palästina zur Förderung der Jüdischen Palästinasiedlung : Tagung in Köln am 22. November 1927 / Ansprachen un d Begrüssungen: Alfred Leonhard Tietz ... [et al.] u.a. Er war Vorsitzender von Keren Hayesoth; zur weiteren Auswanderung vgl. Interview, S. 12.
  19. "Margarete Tietz führt in Tel Aviv ein kleines Gästehaus.", www.martinschlu.de/kulturgeschichte/zwanzigstes/nszeit/tietz/tietz1.htm; Interview, S. 15
  20. "There I had in Bryn Mawr this very good friend, who was a Quaker and a socialist, and as such pursued immediately in 1933. And she had connections ... And she said, 'please come. I hope you want to work.' And I said, 'I have to work'. ... And the she said, .. We are in need of someone like you for a home for te aged.", Interview, S. 17-18
  21. Interview, S. 38
  22. Interview, S. 42
  23. 1948 wird MARGARETE TIETZ, geb. Dzialoszynski, in einer Todesanzeige als Trauernde aufgeführt bei einer in Berkeley, Cal. verstorbenen, vgl. Aufbau, 1948, S. 75 Luise Ele http://www.yasni.com/ext.php?url=http%3A%2F%2Ffreepages.genealogy.rootsweb.ancestry.com%2F%7Ealcalz%2Faufbau%2F1948%2F1948pdf%2Fj14a11s02160016.pdf&name=Margarete+Tietz&cat=heritage&showads=1.

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