Lesben-Kunstgruppe

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Die Lesben-Kunstgruppe wurde am 1.1. 1978 in Köln gegründet. Sie bestand bis ca 1982.

Schreibweisen auch Lesben-Kunst-Gruppe , Lesben Kunstgruppe Köln, Lesben Kunstgruppe.


Gründung

Nachdem eine Lesbenstrategiegruppe in Köln keine befriedigenden Ergebnisse brachte, gründeten zum Jahresbeginn 1978 vier Kölner Frauen, die zu der Zeit lesbisch lebten, die erste Lesben-Kunstgruppe Deutschlands. U.a. waren dort Carla Rostock, I.-M.G., C.F., Ulrike, Vita und F.P. aktiv. Die Aktivistinnen mieteten einen Souterrain-Raum im damaligen Frauenbuchladen Köln (Moltkestraße 66) an, in dem sich zuvor bereits eine Frauenkunstgruppe um Ulrike Rosenbach (Schule für kreativen Feminismus) künstlerisch betätigt hatte. Einzelne waren dort Mitglied gewesen. Die Lesben-Kunstgruppe traf sich wöchentlich. In einer Selbstdarstellung heißt es: "Alle Frauen der Gruppe sind berufs – oder jobtätig. Die Gruppe finanziert sich von dem Geld, das wir aufgrund unserer Berufstätigkeit verdienen." Dies taten sie als Handwerkerin und Sekretärin oder sie studierten.

1980 kam es zu personellen Veränderungen und es wurden weitere Aktive durch Kleinanzeigen in den Frauenzeitschriften EMMA und COURAGE gesucht. Insgesamt waren in den vier Jahren ca. sechs Künstlerinnen beteilgt.

Die Kunstproduktionen der Lesben-Kunstgruppe

Ein Anliegen der Neuen Frauenbewegung war es, ein neues Bild von Frauen (und sich) zu entwerfen. Viele Kunstinitiativen entstanden in dieser Zeit. Die feministische Kunst der späten 1970er Jahre war von der Suche nach einem Frausein jenseits der Stereotypen gekennzeichnet. Zum einen ging es um die Destruktion des vorhandenen Bildes der unterwürfigen und abhängigen Frau, zum anderen um das Entwerfen einer Frau/Lesbe in Veränderung, im Aufbruch, das Wandeln auf neuen experimentellen Wegen, das Sich-Bewegen in Grenzzonen des als männlich konnotierten Raumes, und auch um die 'Erfindung' einer frauenliebenden Frau in einer kulturell heterosexuell dominierten Umwelt. Immer wieder war der eigene Körper ein Feld der De- und Rekonstruktion: Masken, Auflösungen, Nacktheit, das Aufdecken und Enthüllen waren übliche Metaphern. Rund um das Credo Mein Körper gehört mir mussten die Künstlerinnen sich diesen jedoch erst aneignen.

In der Selbstdarstellung heißt es: "Wir benutzen folgende Materialien: Fotografie, Malerei, Objekte, Texte, Video, Film, Collage und Performance. ..." Oft wurde mit bisher ungewöhnlichen Materialien agiert, seien es Gipsbinden oder Wachs, d.h. mit formbarer, weicher Masse für Körperabdrücke. Hände, Gesichter und Brüste spielten eine große Rolle als Symbole für die Neufindung. U.a. stellten Hände, zum Zeichen des Scham-Dreiecks geformt, in der Lesbenszene ein Symbol für autonome Erotik unter Frauen dar. ('Schämen' wollte frau sich nicht mehr.) Auf neu bestückten Altären wurde versuchsweise eine andere Art der Weiblichkeit gefeiert. Auch Fotos und Spiegelbilder waren ein beliebtes Medium, um ein neues Bild von sich zu entwerfen oder ein gebrochenes Bild vorzuführen. - Weitere Entwürfe der Lesben-Kunstgruppe umfassten Übergangssymbole wie Türen und Fenster, - Schwellen. Räume wurden mit Papier und Stoffen ausgekleidet und verändert. In Performances imaginierten sich die Frauen z.B. als Westernheld und eigneten sich Aspekte des männlichen Helden an. Die Performances boten Möglichkeiten, sich auszuprobieren - neue Gesten, neue Raumnutzungen zu versuchen. Die Mitfrauen der Gruppe, die ihre sexuelle Orientierung offen lebten, zeigten schließlich Fotos sich küssender Frauen - ein Motiv, das in jenen Tagen, bevor Madonna oder das russische Duo t.A.T.u. diese Geste als Pose vermarkteten, noch eine Provokation darstellte.


Ausstellungen

  • Am 17. Juni 1978 wurde im Kölner Frauenbuchladen die erste Ausstellung eröffnet. Gezeigt wurden Fotografien, Masken, Objekte und Performancekunst.
  • Vom 14. Oktober bis 14. November 1978 war die Lesben-Kunstgruppe zusammen mit der Kölner 'Lustgruppe' an einer Ausstellung in der Berliner Galerie 'Andere Zeichen' beteiligt.
  • Im Juli 1979 folgte eine weitere Ausstellung im Kommunikations- und Kulturzentrum des Kölner Frauenbuchladen.
  • Ausstellung während der Frauen-Sommeruniversität 1979 unter dem Titel: "Biederer Alltag, radikale Träume", u.a. reprografische Arbeiten und Rauminstallationen.
  • Anlässlich des Kongresses 'Frauen gegen Atom und Militär' in Köln in der Gesamtschule Zollstock (15./16.9.1979) wurde eine umfangreiche Ausstellung präsentiert. Gezeigt wurden wiederum Bilder und Objekte, so ein Bild mit dem Titel: "Der Raum ist voll Bilder - dein Tag ist voll möglicher Taten" oder ein Würfelspiel mit Interventionen in aktuelle Diskurse (‚Du begegnest einem Transsexuellen und fällst in Ohnmacht – 2 Felder zurück’; kurz zuvor hatte es im Frauenzentrum Eifelstraße vehemente Debatten über Zugang oder Ausschluss von Transsexuellen in die gerade erst erkämpften Frauenräume gegeben).
  • Videofilm "Eloise und Abelard", Gemeinschaftsproduktion von C.F. und F.P., u.a. mit Hella von Sinnen und Dirk Bach sowie Fotoarbeiten, Zeichnungen, Rauminstallation.
  • 1981 Ausstellung während der Frauen-Sommeruniversität in Berlin.


Auflösung

Die Gruppe löste sich in den frühen 1980er Jahren auf. Hintergrund war u.a., dass einige "das Gefühl hatten, durch unsere Zusammenarbeit keine neuen künstlerischen Impulse mehr zu erfahren und unser jeweiliger Alltag intensivere Zuwendung erforderte. ... Es waren nicht künstlerische Überlegungen / Fragestellungen, die uns zusammen geführt hatten, sondern politische. Das führt meiner jetzigen Erfahrung nach unweigerlich zu einem 'Auslaufen' der Aktivität, da der künstlerische Ausdruck nur Mittel zum Zweck ist und nicht der eigentliche Gegenstand der Suche / Erforschung. Wir haben uns im Laufe der Jahre weiter entwickelt und jede suchte nach anderen Mitteln und Formen, dem Ausdruck zu verleihen. Das bedeutet nicht, daß die Produktion der Gruppe keinen künstlerischen Wert gehabt hätte." Eine andere Mitwirkenden sieht die Bedeutung der Gruppe aus heutiger Sicht (2011) teilweise kritisch: "Insgesamt kann ich ... sagen, dass wir nicht Kunst gemacht haben, sondern Ideologie. War halt damals so." Aber für sie persönlich war es ein erster Schritt auf dem Weg zur Künstlerin: "Es war eine schöne und aufregende Zeit. Wir waren jung genug, um Ziele zu haben und um an sie zu glauben. Die Kunst hat mich nie verlassen und nie enttäuscht. Damals fing das an. Ich bin dankbar für diese Zeit." Zwei der Gründerinnen waren auch nach der Auflösung der Gruppe weiter bildnerisch tätig, eine dritte wandte sich der Sprache als Medium zu.


Material im Archiv des Kölner Frauengeschichtsvereins:

  • Flyer "Lesben Kunstgruppe Köln, Galerie Andere Zeichen Berlin" 1978 ;
  • Selbstdarstellung der Lesben-Kunst-Gruppe [um 1979];
  • Infos zur Ausstellung im Kommunikations- und Kulturzentrum für Frauen e. V. vom 16.06.-31.07.1979;
  • Selbstdarstellung aus der Kölner Frauenzeitung Jan./Febr. 1980;
  • Korrespondenz betr. Anzeigen der Gruppe in EMMA und COURAGE 1979;
  • Fotos von Kunstobjekten, Performances und Ausstellungseröffnungen.


Im Archiv des Kölner Frauengeschichtsvereins sind Materialien über die Lesben-Kunstgruppe erhalten. Weitere Hinweise - Erinnerungen, Fotos, Materialien, Filme und Daten - sind willkommen: info@frauengeschichtsverein.de