Jüdische Kunstgemeinschaft Köln

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Jüdische Kunstgemeinschaft (1934 - um 1937) war eine frauenbewegte KünstlerInnenvereinigung von exkludierten Kölner JüdInnen

Gründung

1933 zogen sich die Kölner Jüdinnen Else Falk und Margarethe Tietz aus dem Vorstand des Künstlerinnenverbandes ''GEDOK Köln'' zurück, um deren Weiterbestehen nach der Machtübernahme durch die NationalsozialistInnen zu gewährleisten. Dieser Verein hatte vor allem der liberalen Kölnerin Else Falk und ihrem Kontakt zu Ida Dehmel, die die GEDOK reichsweit initiiert hatte, seine Entstehung verdankt (Ortsverein Köln 1929 ).

"Auf der Grundlage des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933 und des Reichskulturkammergesetzes vonm 22. September 1933 wurde die politisch-ästhetische Gleichschaltung des kulturellen Lebens und die Entfernung 'nichtarischer' Künstler und Intellektueller in Köln wie andernorts abgewickelt."[1]
Dies betraf z.B. die jüdische Puppenspielerin Fanny Meyer, die seit Jahren im städtischen Puppenspiel (Hänneschen-Theater) gearbeitet hatte[2], Els Vordemberge vom NWDR u.a. Kölner kreativ tätige Jüdinnen im öffentlichen Dienst. Nachdem sich abzeichnete, dass eine baldige Aufhebung der 'Rasse'gesetze nicht zu erwarten war, und der Ausschluss jüdischer Kulturschaffender nicht rückgängig gemacht wurde, gründete Else Falk eine Organisation mit ähnlicher Ausrichtung wie die GEDOK KÖln, die Jüdische Kunstgemeinschaft (JKG). Die JKG war zunächst an die exkludierten Jüdinnen aus der GEDOK Köln adressiert, im Verlaufe ihrer Existenz kamen viele weitere Unterstützerinnen hinzu.

1934 wurde Else Falk zur ersten Vorsitzenden gewählt. Weiterhin waren aus der GEDOK Dr. Else Thalheimer, Meta Lissauer und Flora Jöhlinger in die JKG gewechselt und hatten Leitungsaufgaben übernommen.[3] Der Vorstand wurde ergänzt durch Alice Krieger-Isaac, Dr. Margerete Berent und Cilly Marx. Bereits ab Oktober 1933 exitierte der größere, professioneller agierende und stärker Theater-bezogene 'gemischte' Jüdische Kulturbund Rhein-Ruhr, den u.a. Dr. Paul Moses, der Bruder von Elisabeth Moses leitete.


Zielsetzung

Die Jüdische Kunstgemeinschaft war eine Vereinigung von Künstlerinnen und Kunstfreundinnen, sie verfolgte wie die GEDOK die Absicht, den Künstlerinnen in der Gesellschaft eine größere Sichtbarkeit und eine gesicherte Existenz zu verschaffen. Letzteres Anliegen betraf die jüdischen Künstlerinnen nun noch einmal mehr, weswegen die JKG eine stärker karitative Ausrichtung aufwies. Im Gemeindeblatt der Synagogengemeinde hieß es im Juni 1936:
"Die Lage der jüdischen Künstler ist - mit geringen Ausnahmen - katastrophal. ... Die jüdischen Künstler sind restlos aus dem allgemeinen Kunstleben ausgegliedert! Jeder Pfennig, der für künstlerische Dinge heute noch von Glaubensgenossen ausgegeben wird, sollte daher ausschließlich zur Erhaltung unserer Künstler verwendet werden."[4]

Etwas geringer als in der GEDOk wurde das Prinzip, allein Kunst von Frauen zu präsentieren, verfolgt, - die Macherinnen ließen "männliche Künstler als Ausführende zu".[5]. Das angesprochene Publikum bestand dagegen weiterhin fast ausschließlich aus Frauen.

"Mitglieder wie Auditorium kamen aus den gesellschaftlich gehobenen jüdischen Kreisen: die Organisation galt als finanziell besonders potent." [6]
Da die GEDOK Köln in den vier Jahren ihrer bisherigen Existenz von vielen begüterten jüdischen Mäzeninnen unterstützt worden war, verlor sie ab 1933 diese Frauen an den neuen Zusammenschluss. Diese boten weiterhin ihre Villen als Aufführungsorte an.
"... so musizierten beispielsweise Ruth Kisch-Arndt und Alice Krieger-Isaac am 3. November in einer Lindenthaler Stadtvilla."
[7] Der Zusammenschluss JKG konnte auf das Erfahrungswissen von Else Falk zurückgreifen, einer Frau, die jahrelange Praxis im Gründen von Vereinen, Organisieren von Veranstaltungen, Kommunikation mit nicht immer leichten Menschen hatte, eine leidenschaftliche Aktivistin, die über beste Kontakte in die Politik und über ein riesiges soziales Netzwerk verfügt hatte. Nicht alle Verbindungen zu den 'Arierinnen' der bürgerlichen Kölner Frauenbewegung rissen ab, wie spätere Besuche in Köln spiegeln. Diese Verankerung machte die Organisation sehr produktiv. Elfi Pracht benennt zwei weitere Aspekte:
"Der Grund für die Effizienz der relativ kleinen Jüdischen Kunstgemeinschaft kann zum einen in der Existenz einer homogenen, wohlhabenden, äußerst enthusiatischen Trägerschicht und einer Mitgliedschaft und damit eines Publikums gefunden werden, die - im Verglich zum Kulturbund - weniger Schwankungen ausgesetzt waren. Zudem war die Zielsetzung ... weitaus weniger ambitiös: dem Aspekt der sozialen Hildfeleisung wurde stets der Vorrang eingeräumt; die Jüdische Gemeinschaft hatte nicht - wie der Kulturbund - unter gelegentlich scharfe Formen annehmenden ideologisch-ästhetischen Auseinandersetzungen zu leiden."[8]

Aktivitäten

Programmhefte sind nicht überliefert. Daher kann kein wirklicher Überblick über alle Aktivitäten gegeben werden.

"Die Kunstgemeinschaft widmete sich in erster Linie der Pflege des musikalischen Lebens, förderte schwerpunktmäßig junge und noch nicht bekannte Künstler, die möglichst im Kölner Raum beheimatet sein sollten."[9]
So unterhielt die JKG einen eigenen Kammerchor (Leitung Julius Goldberg).[10]

Da die GEDOK Köln eine Interessenvertretung sehr viele jüdischer Musikerinnen gewesen war (u.a. Ruth Kisch-Arndt, Erna Weiss), konnte die Jüdische Kunstgemeinschaft auf einen großen Pool begabter Instrumentalistinnen und Sängerinnen zurückgreifen, die kaum Hoffnungen auf Engagements im Ausland hatten. Eine Neuheit waren die "Nachmittagskonzerte für Kinder."[11] Dafür wurde etwa ein 'Musikalisches Bühnenstück' von Paul Hindemith eingeübt und im Dezember 1934 aufgeführt. Regie führten Else Thalheimer und ihr Ehemann Salo Lewertoff[12] Anschließend wurde gemeinsam gespeist, um der Geselligkeit einen Raum zu geben.

Auch setzte sich Else Falk - wie schon im Stadtverband Kölner Frauenvereine, dem sie von 1919 bis 1933 vorgestanden hatte - durch, dass Kleidungsstücke für Schauspielerinnen gesammelt und für Aufführungen zur Verfügung gestellt würden, da erwartet wurde, dass diese ihre Bühnengarderobe mitbrachten (sog. Kleiderkammer). Desweiteren führte sie das von Ida Dehmel in die GEDOK implementierte Prinzip von Verkaufsausstellungen fort. Im Oktober 1934 eröffnete die Kulturorganisation eine "Kunst- und Kunstgewerbeausstellung" im sog. Eintracht-Haus am Neumarkt.[13] Else Falk sprach zur Eröffnung, wie die Zeitschrift der Kölner Synagogengemeinde berichtet. Sie
"begrüßte in ihrer wahrmherzigen Art die Erschienenen und betonte, daß die Not die Anspannung aller Kräfte verlange. Die jüdische Künstlerin sei auf eine schmale wirtschaftliche Basis gestellt. Aber in diesem Kampfe ums Dasein müsse ihr der Idealismus, den ihr ihr Deutschtum und ihr Judentum veerleihe, vorausleuchten. Die Ausstellung, die ein festes und starkes Band um Künstlerinnen und Kunstfreundinnen legen sollte, legte Zeugnis ab von der Schaffenskraft und dem hohen Stande der jüdischen Künstlerinnen Kölns. Zum Schlusse sprach Frau Falk die Forderung aus, daß weite Kreise erfüllt sein möchten vom wahren Helferwillen."[14]

1936 unterstützte die JKG das von Flora Jöhlinger gegründete (jüdische) Kölner Marionettentheater und gründete eine Tanzgruppe, damit auch die Gymnastik- und Tanzlehrerinnen Vorführungen präsentieren könnten.[15].

In den letzten Jahren ihrer Existenz und aufgrund der zunehmenden Not der verbliebenen kreativ tätigen Jüdinnen in Köln, gründete die JKG eine ständige Verkaufsstelle, die eine sehr zentrale Adresse hatte: Domhof 2. Dort war die Familie Callmann beheimatet, deren Mitglied Dr. Rudolf Calllmann 1928 die jüdische Sonderschau der PRESSA mit organisiert hatte, und Mitglied des Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens war.[16]
"Ein Inserat ... informierte die Leser der Mitteilungen zunächst im Februar 1937: „Denken Sie beim Einkauf Ihrer Geschenke an die Verkaufsstelle der Jüdischen Kunstgemeinschaft am Domhof 2, I. Etage (Callmann) | Samstags geschlossen!“[17]
Diese Verkaufsstelle, in der neben Bildern Textilien (Wandbehänge, Stickereien, Westen, Handschuhe), Keramik, Schmuck, Metallarbeiten, Bucheinbände, Lederarbeiten u.a.m angeboten wurden, soll laut Elfi Pracht deutschlandweit einmalig gewesen sein.[18]

Ende 1938 wurde per Verfügung der Reichskulturkammer erlassen, dass Juden und Jüdinnen keinen Zutritt mehr u Ausstellungen der Kunstvereine hatten, zudem waren die bestehenden Kultvereinigungen zwansgweise zentralisiert worden (Reichsverband jüdischer Kulturbünde in Deutschland). Inwieweit das noch die Jüdische Kunstgemeinschaft in Köln betroffen hat, muss geprüft werden. Else Falk war 1939 ausgewandert, Nachrichten über Aktivitäten lagen schon länger nicht mehr vor. Viele Künstlerinnen waren emigriert, vor allem hatten Mäzeninnen wie [Margarethe Tietz] bereits lange das Land verlassen (müssen).

Der Jüdische Kulturbund Rhein-Ruhr bestand länger, er wurde 1941 verboten[19]. Zu dieser Zeit existierte die JKG sicher schon nicht mehr.

Die Jüdische Kunstgemeinschaft hatte versucht, die Grundideen der GEDOK: Förderung, Solidarität und Gemeinschaft für das Kölner Judentum und jüdische Künstlerinnen zu retten, Qaulitätskriterien hatten weniger eine Rolle gespielt. Doch selbst diese karge Selbsthilfe war nur noch einige wenige Jahre nach der Machtübernahme möglich.



Mitwirkende

Die Wissenschaftlerin Elfi Pracht fand folgende Mitwirkende dokumentiert:[20]
Musikerinnen

  • Pianistin Hilde Silberbach
  • Pianistin Alice Krieger-Isaac
  • Pianistin Ilse Sass
  • Pianistin Ella Cohn-Conrad (Ehemals GEDOK Köln)
  • Pianistin Marthy May (Ehemals GEDOK Köln)
  • Pianistin Emmy Weber
  • Pianistin Heida Holde-Hermanns
  • Pianistin Erna Mann-Salm
  • Geigerin Irene Schmuckler
  • Geigerin Lilly Heumann
  • Sängerin Ruth Kisch-Arndt (Alt) (Ehemals GEDOK Köln)
  • Sängerin Hanne Loewen (Alt)
  • Sängerin Gabriele Speyer-Sander (Sopran)
  • Sängerin Grete Rosenbaum (Sopran)
  • Sängerin Herta Fürst (Sopran)
  • Sängerin Adelheid Hess (Alt)


Sonstige Künstlerinnen

  • Lucy Götzer
  • Alice Piorowsky
  • Flora Jöhlinger (Malerin, Bühnenbildnerin) (Ehemals GEDOK Köln)



Männliche Mitwirkende

  • Pianisten Prof. Michael Wittels, Willi Salomon, Willi Löwenstein, Ludwig grünbaum, Jospeh Schwarz
  • Cellisten Ary Schaye, Gottfried Zeelander
  • Geiger Eugen Brünell, Ernst DRucker, Prof. Hans Bassermann
  • Sänger Siegfried Urias, Max Raymer, Hugo Schwelb, Julius Lenz
  • Rezitator Fritz Melchior

Literatur von Jüdische Kunstgemeinschaft Köln

nicht bekannt

Literatur über Jüdische Kunstgemeinschaft Köln

  • Gemeinschaft der Vereinigungen Deutscher und Oesterreichischer Künstlerinnen und Kunstfreundinnen, Sitz Hamburg (Hg.) ([1932]): Mitglieder-Verzeichnis der Reichsgedok 1932/33. Leipzig: Brandstetter.
  • Gemeindeblatt der Synagogengemeinde zu Köln a. Rh. 1933 ff.
  • Mitteilungen des „Jüdischen Kulturbundes Rhein-Ruhr
  • Elfi Pracht: Jüdische Kulturarbeit in Köln 1933–1941, in: Geschichte in Köln, Köln 1991, H. 9, S. 119–155
  • Marlene Tyrakowski: 'Die machten aus uns keine Nazissen.' Kölner Frauenbewegung und Nationalsozislismus, in: Zehn Uhr pünktlich Gürzenich, Münster, 1995, S. 246-263, ISBN 3-929440-53-9
  • Irene Franken: Köln. Der Frauen-Stadtführer, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 1995
  • Barbara Becker-Jakli: Das jüdische Köln. Geschichte und Gegenwart, Köln Bachem, 2012 ISBN 9783897058736

weblinks

Einzelnachweise

  1. Pracht, S. 129
  2. Franken, S. ###
  3. vgl. Gemeinschaft der Vereinigungen Deutscher und Oesterreichischer Künstlerinnen und Kunstfreundinnen 1932/33, Liste Köln; vgl. Pracht S. 128
  4. Ausbau der Künstlerhilfe, in: Gemeindeblatt, 19.6.1936, zit. nach Pracht. S. 127
  5. Pracht, S. 127
  6. Pracht, S. 128; vgl. Gemeindeblatt, Nr. 39, 25.9.1936
  7. Pracht, S. 128 mit Verweis auf Gemeindeblatt Nr. 455 vom 23.11.1934
  8. Pracht, S. 130
  9. Pracht, S. 128
  10. vgl. Pracht. S. 128
  11. Pracht, S. 128 mit Verweis auf Gemeindeblatt Nr. 455 vom 23.11.1934
  12. vgl. Pracht. S. 128, Anm. 19; Aufführungsort war der Weiße Saal der Bürgergesellschaft, Appellhofplatz.
  13. Pracht, S. 129, vgl. Gemeindeblatt, Nr. 41, 26.10.1934
  14. Gemeindeblatt, Nr. 41, 26.10.1934, zit. nach Pracht S. 129
  15. vgl. Pracht. S. 129 und 128
  16. vgl. Barbara Becker-Jakli: Das jüdische Köln, S. 289
  17. http://www.herbert-henck.de/Internettexte/Thalheimer_III/thalheimer_iii.html mit Verweis auf Mitteilungen des „Jüdischen Kulturbundes Rhein-Ruhr“, 4. Jg., Nr. 5, Köln, Februar 1937, S. 14 ; vgl. einen Bericht signiert: „F. J.“, Flora Jöhlinger (?) ) in Jüdische Rundschau, 42. Jg., Nr. 47, Berlin, 15. 6.1937, S. [10]
  18. s. 129/130
  19. Pracht, S. 153
  20. Pracht, S, 128, Anm. 18

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