Ida Auerbach: Unterschied zwischen den Versionen

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1898 heiratete sie den 14 Jahre älteren Arzt Dr. Benjamin Auerbach aus Köln und zog nach Westdeutschland.<ref>Benjamin Auerbach wurde am 24.09.1855 in Wald bei Solingen geboren, er war also ca. 14 Jahre älter als sie. er hatte sich kurz nach Abschluss seines Studiums 1878 in Köln niedergelassen. Er soll so sehr Arzt gewesen sein, dass er es bisweilen vergaß, zu essen und  Rechnungen zu schreiben. Er sprach viele Patient:innen mit Du an und kann als kölsch-jüdisches Original gelten.</ref>  
 
1898 heiratete sie den 14 Jahre älteren Arzt Dr. Benjamin Auerbach aus Köln und zog nach Westdeutschland.<ref>Benjamin Auerbach wurde am 24.09.1855 in Wald bei Solingen geboren, er war also ca. 14 Jahre älter als sie. er hatte sich kurz nach Abschluss seines Studiums 1878 in Köln niedergelassen. Er soll so sehr Arzt gewesen sein, dass er es bisweilen vergaß, zu essen und  Rechnungen zu schreiben. Er sprach viele Patient:innen mit Du an und kann als kölsch-jüdisches Original gelten.</ref>  
 
Sie bekam zwei Töchter: Edith (1899)<ref>Edith Auerbach * 11.3.1899 wurde Zeichnerin und lebte die längste Zeit ihres Lebens in Paris, vgl. Broekema, Pauline (2020); vgl. Kerseboom, Willem; Guus, Maria (2001): Edith Auerbach. An Introduction. Haarlem: Ars et animatio.</ref> und Lisbeth/Liese (1900).  
 
Sie bekam zwei Töchter: Edith (1899)<ref>Edith Auerbach * 11.3.1899 wurde Zeichnerin und lebte die längste Zeit ihres Lebens in Paris, vgl. Broekema, Pauline (2020); vgl. Kerseboom, Willem; Guus, Maria (2001): Edith Auerbach. An Introduction. Haarlem: Ars et animatio.</ref> und Lisbeth/Liese (1900).  
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Ihre Freundin Clara Sander schrieb über die Eheanbahnung: "In Köln lebte ein sehr beliebter jüdischer Arzt Dr. Benjamin Auerbach, der bei zahlreichen Familien unserer Kreise Hausarzt war. Er war mit 40 Jahren noch unverheiratet, obgleich da kaum ein Mädchen war, das dem herzensguten und hervorragenden Arzt nicht gerne die Hand gereicht hätte. Aber vor lauter Arbeit dachte er gar nicht ans Heiraten. Er hatte ja ausser seiner Praxis auch noch die Leitung des großen israelitischen Asyls, einem Krankenhaus und Altersheim. Die Mädchen jener Zeit waren ihm auch zu verwöhnt und anspruchsvoll. Er wollte nur eine sehr ernste Frau heiraten, die auf eigenen Füssen stand. Und die fand er auch. Er heiratete ein Jahr nach mir Ida Cohen (sic) aus Wien, die nicht nur ihr Lehrerinnendiplom hatte,  sondern eine tüchtige kaufmännische Kraft war. Sie richtete für ihren Onkel Fränkel, den Inhaber der Mödlinger Schuhfabrik,  überall Schuhfilialen ein, so auch in Köln, wo Dr. Auerbach sie kennen lernte  und kurz entschlossen um sie freite. Ida war ein etwas männlicher Typus, eine Art Frau, zu denen sich gütige und weitherzige Männer hingezogen fühlen. Ganz gewiß hat er immer einen Rückhalt an ihr gehabt."<ref>Sansder, Clara, S. 79.</ref>
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Zunächst wohnte die Familie in der Mohrenstraße 14, zog dann nach kurzer Zeit in die Mohrenstraße 35–37.<ref>Vgl. Becker-Jákli, Barbara (2004): Das jüdische Krankenhaus in Köln. Die Geschichte des Israelischen Asyls für Kranke und Altersschwache 1869-1945. Köln (Schriften des NS-Dokumentationszentrums der Stadt Köln, 11), S. 375.</ref>  Die Familie war der Synagogen-Gemeinde Roonstraße angeschlossen und gehörte zum liberalen Judentum.  
 
Zunächst wohnte die Familie in der Mohrenstraße 14, zog dann nach kurzer Zeit in die Mohrenstraße 35–37.<ref>Vgl. Becker-Jákli, Barbara (2004): Das jüdische Krankenhaus in Köln. Die Geschichte des Israelischen Asyls für Kranke und Altersschwache 1869-1945. Köln (Schriften des NS-Dokumentationszentrums der Stadt Köln, 11), S. 375.</ref>  Die Familie war der Synagogen-Gemeinde Roonstraße angeschlossen und gehörte zum liberalen Judentum.  
  

Version vom 6. Januar 2022, 18:17 Uhr

Ida Auerbach, geb. Kohn (* 16. Juni 1869 in Bennisch, heute Horní Benešov im tschechischen Verwaltungsbezirk Bruntál; + 5. August 1942 in New York) war langjährige Leiterin des Israelitischen Frauenverein Köln und aktives Mitglied der Jüdischen Gemeinde Köln. Die Künstlerin Edith Auerbach ist ihre Tochter. Der demokratische Kandidat bei der US-Präsidentenwahl von 2004 und spätere Außenminister John Kerry ist ihr Großneffe.


Herkunft, Kindheit und Bildung

Ida Kohn kam aus der kleinen Stadt Bennisch nahe der polnischen Grenze in dem zum Habsburgerreich gehörigen Teil Schlesiens. Heute heisst der Ort Horní Benešov und gehört zum tschechischen Verwaltungsbezirk Bruntál (ehemals Freudenthal). Die regionale Identität der Anwohner:innen lautete meist Mährer:in, aber eher noch Österreicher:in. Bennisch war eine aufstrebende Bergbaustadt. 1880 soll sie 4.200 Einwohner:innen aufgewiesen haben, davon überwiegend ethnische Deutsche; um die 25 von ihnen sollen jüdische Einwohner:innen gewesen sein.[1] Ida Kohns Eltern waren laut einem Kirchenregister der Braumeister Benedikt Kohn und Mathilde Frankel aus Oberglogau.[2]. Es war die zweite Ehe des Vaters, er hatte bereits fünf Kinder aus erster Ehe. Neben diesen Stiefgeschwistern [3] hatte das Mädchen Ida zwei leibliche Brüder, Fritz (später Frederik) und Otto. Da es in Bennisch keine eigene jüdische Gemeinde gab, wurden die jüdischen Geburten auf den letzten Seiten des katholischen Taufregisters eingetragen.[4] Der Vater starb, als sie ca. sieben Jahre alt war. Daraufhin verließ die Mutter mit den drei Kindern Bennisch und zog in einen Vorort Wiens, nach Mödling um, wo Verwandte von ihr lebten. Es heißt, dass sie allen drei Kindern eine gute Schulausbildung ermöglichte.[5]

Ida Kohn besuchte vermutlich ein Mädchenlyzeum, das es Gymnasien noch nicht gab. Üblicherweise schlossen die Absolventinnen eine Ausbildung zur Lehrerin an, darüber gibt es jedoch bei Ida keine schriftlichen Quellen. Nach ihrem Lehrerinnenexamen soll sie ein Studium der Sozialarbeit absolviert haben, so Yvonne Küsters in ihrer Magisterarbeit. Die Brüder haben das Gymnasium besucht und mit Auszeichnung abgeschlossen.

Haltung zur Religion und Eheschließung

Ida Kohns Brüder konvertierten wegen des zunehmenden Antisemitismus zum Katholizismus. Fritz Kohn hatte eine höhere Schule besucht, hatte in der Armee gedient und anschließend in der Schuhfabrik seines Onkels Alfred Fränkel als Prokurist und Gesellschafter gearbeitet. 1896 trat er zum Christentum über. Der jüngere Otto Kohn studierte Jura und Kunstgeschichte in Wien, schlug dann aber eine Militärlaufbahn ein. Es gab für jüdische Männer starke berufliche Limitierungen gerade beim Militär, so konvertierte 1901 auch er. Ida Auerbach verweigerte sich dieser Abkehr und blieb lebenslang Jüdin. Die Konversionen hatten eine Distanzierung zu den Brüdern zur Folge.

1898 heiratete sie den 14 Jahre älteren Arzt Dr. Benjamin Auerbach aus Köln und zog nach Westdeutschland.[6] Sie bekam zwei Töchter: Edith (1899)[7] und Lisbeth/Liese (1900).

Ihre Freundin Clara Sander schrieb über die Eheanbahnung: "In Köln lebte ein sehr beliebter jüdischer Arzt Dr. Benjamin Auerbach, der bei zahlreichen Familien unserer Kreise Hausarzt war. Er war mit 40 Jahren noch unverheiratet, obgleich da kaum ein Mädchen war, das dem herzensguten und hervorragenden Arzt nicht gerne die Hand gereicht hätte. Aber vor lauter Arbeit dachte er gar nicht ans Heiraten. Er hatte ja ausser seiner Praxis auch noch die Leitung des großen israelitischen Asyls, einem Krankenhaus und Altersheim. Die Mädchen jener Zeit waren ihm auch zu verwöhnt und anspruchsvoll. Er wollte nur eine sehr ernste Frau heiraten, die auf eigenen Füssen stand. Und die fand er auch. Er heiratete ein Jahr nach mir Ida Cohen (sic) aus Wien, die nicht nur ihr Lehrerinnendiplom hatte, sondern eine tüchtige kaufmännische Kraft war. Sie richtete für ihren Onkel Fränkel, den Inhaber der Mödlinger Schuhfabrik, überall Schuhfilialen ein, so auch in Köln, wo Dr. Auerbach sie kennen lernte und kurz entschlossen um sie freite. Ida war ein etwas männlicher Typus, eine Art Frau, zu denen sich gütige und weitherzige Männer hingezogen fühlen. Ganz gewiß hat er immer einen Rückhalt an ihr gehabt."[8]

Zunächst wohnte die Familie in der Mohrenstraße 14, zog dann nach kurzer Zeit in die Mohrenstraße 35–37.[9] Die Familie war der Synagogen-Gemeinde Roonstraße angeschlossen und gehörte zum liberalen Judentum.

Der Ehemann gehörte zu den Kölner Honoratioren. Er wurde 1885 zum leitenden Arzt des Jüdischen Asyls für Kranke und Altersschwache (damals noch in der Silvanstraße) gewählt und führte diese hochgeschätzte Einrichtung mit all seiner Leidenschaft; er organisierte dann 1908 den Neubau als Israelitisches Asyl für Kranke und Altersschwache in Neuehrenfeld und machte es zu einem modernen Krankenhaus mit hervorragendem medizinischen und pflegerischen Ruf, das auch bei Christ:innen beliebt war. Seit 1898 führte er zudem im Wohnhaus eine Praxis für Allgemeinmedizin und Geburtshilfe. Er war Mitgründer von bedeutenden sozialen Einrichtungen und Vereinen und wurde zum „Geheimen Sanitätsrat“ ernannt, einem Ehrentitel. Laut Barbara Becker-Jákli war Benjamin Auerbach nicght nur Anhänger sozialer Reformen, sondern tendierte selbst zur SPD, was in dem Milieu ungewöhnlich war.[10]

Soziales Engagement

Da Ida Auerbach selbst nur wenige Texte veröffentlichte, kennen wir ihre politische Justierung nicht. Die Modernisierung der traditionellen jüdischen Wohlfahrtsarbeit war ihr ein großes Anliegen. Hier ging sie mit ihrem Mann konform. Dieser scheint bzgl. der Rolle der Frau in Arbeit eine fortschrittliche Einstellung gehabt zu haben. Er unterstützte in seinem Krankenhaus die Einstellung von Ärztinnen und war ab 1909 jahrelang Vorstandsvorsitzender des Vereins für Jüdische Krankenpflegerinnen in Köln. Zudem hatten sie eine offene Tür für Juden und Jüdinnen, die aus Polen oder Russland geflohen waren.[11]

Weder die Mutterschaft noch die zahlreichen Verpflichtungen des Ehemannes hinderten Ida Auerbach daran, sich karitativ und frauenpolitisch zu engagieren. Sie hatte selbst keine direkte Verbindung zum Asyl, sondern wählte eigene Schwerpunkte.[12] Zunächst engagierte sie sich im Auftrag der Stadt Köln als ehrenamtliche Armenpflegerin - eine der frühesten Formen der professionellen Sozialarbeit von Frauen.

Sodann trat sie dem ehrwürdigen Israelitischen Frauenverein (IFV) bei. Dieser bestand in Köln seit Anfang des 19. Jahrhunderts und war damit vermutlich der älteste Frauenverein Kölns. Unter ihrem Vorsitz wurde der Israelitische Frauenverein mit 1.800 Mitfrauen einer der größten jüdischen Frauenvereine Deutschlands (1928). Innerhalb des IFV gründete sie später einen "Jüdischen Arbeitsnachweis für Frauen", der nach 1933 eine besondere Relevanz erhielt, und leitete ihn bis 1938.

Ab 1909 wirkte sie in der bürgerlichen Frauenbewegung mit, indem sie den Verband Kölner Frauenvereine mitgründete, den Dachverband der bürgerlichen nichtkonfessionellen und nicht parteigebundenen Frauenvereine. Seit 1911 wird sie als eine der Vorstandsfrauen erwähnt.[13] Enge Freundschaften verbanden sie seitdem mit Clara Sander, die u.a. als Verfechterin der gesunden Reformkleidung hervortrat - auch Ida Auerbach war im Verein zur Verbesserung der Frauenkleidung Mitglied - oder auch mit Dr. Hanna Meuter, einer Soziologin und Friedensaktivistin.[14]

Um 1911/12 überführte sie als Teil des Vorstandes den Israelitischen Frauenverein als eine Ortsgruppe in den 1904 gegründeten Jüdischen Frauenbund (JFB). Sie gab Kindern von eingewanderten 'Ostjuden' Sprachunterricht.[15]

1914

1914 hielt sie als Mitglied des Verbandes einen Vortrag auf der reichsweit beachteten Werkbund-Ausstellung über die Gartenstadt-Bewegung, eine moderne – wir können fast sagen – Alternativbewegung zum Thema Gesundes Leben und Wohnen.[16]

Sie bezeichnete in ihrem Vortrag die Gartenstadt-Bewegung als „Kind der Wohnungsnot der Großstädte mit den zunehmenden Mietskasernen - und der damit einhergehenden Verdrängung von Hausgärten. Durch wenig Luft und Licht komme es zunehmend zu Tuberkulose und andere Infektionskrankheiten, so Ida Auerbach. Sie plädierte dafür, dass die Städte gegen Spekulanten vorgingen und dass sich Menschen zu Genossenschaften Zusammenschlüssen und Grundstücke erwarben.[17]

Die Werkbundausstellung auf dem späteren Messegelände wurde durch den Ersten Weltkrieg vorzeitig bendet. Ida Auerbach verhielt sich als gute Patriotin: Sie arbeitete im Nationalen Frauendienst mit, der in Köln Nationale Frauengemeinschaft hieß.[18] Yvonne Weissberg kommentiert: "In Köln gelang es Ida Auerbach, der Vorsitzenden des Israelitischen Frauenvereins, einen Grossteil der Mitglieder für die Arbeit in der Ortsgruppe des Nationalen Frauendienstes zu motivieren. Sie selbst war rund um die Uhr im Dienste des Vaterlandes tätig (…)."[19] Sie beteiligte sich 1915 an der Kriegsspende deutscher Frauendank für die Beschützung durch die männlichen Soldaten und wurde in den Ortsausschuss gewählt.[20] Zusammen mit der Frau des OB Wallraff stand sie der Abteilung für Haushaltspflege vor.[21]


Weimarer Republik

1918 wurde sie für kurze Zeit Vorsitzende des Verbandes, der sich nun Stadtverband nannte.[22] 1919 gab sie das Amt an Else Falk ab, die ebenfalls Jüdin war. In diese kurze Zeitspanne fielen die Bemühungen des Verbandes um eine politische Bewusstwerdung von Frauen und die Ermutigung zur Ausübung des Wahlrechts, das Frauen erst im November 1918 verliehen worden war. Ida Auerbach vertrat des Öfteren eine konventionelle Position bzgl. der Rolle der Frauen; bei ihr stand meist die Hausarbeit im Vordergrund vor einer Berufstätigkeit.

Zwar ließ das Paar seine Töchter studieren, aber die Mutter warnte durchaus auch mal gegen eine Über-Intellektualisierung von Mädchen und und die Überbewertung von kaufmännischen Berufen. Edith hatte künstlerische Neigungen gezeigt, sie wollte Zeichnerin bzw. Malerin werden, musste aber nach Maßgabe der Eltern zunächst ein studium der Kunstgeschichte absolvieren. sie studierte von 1918 bis 1923 in München, Köln und Bonn.[23] Edith Auerbach zog 1926 nach Paris, von wo sie noch Kontakte zu den Eltern pflegte. Nach 1933 kehrte sie nicht mehr nach Deutschland zurück. Liese wurde Ärztin wie der Vater und ließ sich in Köln als Fachärztin nieder. Sie emigrierte kurz nach 1933 in die USA.

1921 gründete sie den Landes- oder Provinzialverband des Jüdischen Frauenbundes in Rheinland und Westfalen, einen regionalen Zusammenschluss aller Frauenvereine und Ortsgruppen des Jüdischen Frauenhundes in diesem Bezirk, der der Bundesleitung des JFB gegenüber die Durchführung aller Bundesaufgaben verantwortete. Zudem sollte er um neue Mitglieder werben, seien es Einzelpersonen oder Vereine. Der Provinzialverband des JFB wurde einer der größten Deutschlands, der Sitz war an ihrer Adresse in Köln beheimatet. [24] Mit dem Vorsitz gehörte sie zugleich dem Gesamtvorstand des JFB an. Gegen Ende der 1920er Jahre wurde sie Mitglied im 13-köpfigen Hauptvorstand. Nach der Machtergreifung, die direkte Auswanderungen nach sich zog, übernahm sie 1934 die Funktion der zweiten Stellvertreterin von Ottilie Schönewald.


In dieser Zeit kämpfte sie als Vorsitzende des Israelitischen Frauenvereins für das aktive und passive Frauenwahlrecht in der jüdischen Gemeinde Köln und erreichte schließlich, dass es gewährt wurde. Eine Vorstufe war ein Vorstandsamt in dem von Frieda Szilard geschaffenen Jugendamt der Synagogengemeinde.[25] 1930 wurde sie dann als eine der ersten Frauen stellvertretendes Mitglied der Gemeinderepräsentation. 1931 wurde sie als erste Frau zur stellvertretenden Vorsitzenden des Jüdischen Wohlfahrtsamtes gewählt, also eines geschlechtergemischten Gremiums, 1934 zur stellvertretenden Vorsitzende dieses Gemeinde-Wohlfahrtsamtes.

Auch überregional und reichweit war sie geachtet: Bereits 1925 war Auerbach an ein Amt im Vorstand des Provinzialverbandes Rheinprovinz der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden gelangt. In der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden, die Bertha Pappenheims 1917 für die 570 000 im Deutschen Reich lebenden Juden und Jüdinnen angeregt hatte, fungierte Ida Auerbach auch reichsweit als Vorstandsmitglied und langjährige stellvertretende Vorsitzende.[26].

Innerhalb des Bundes deutscher Frauenvereine, des Dachverbandes der bürgerlichen Frauenvereine, agierte sie als Mitglied der Kommission für Tuberkulosefürsorge und unterstützte das Heim des Jüdischen Frauenbundes in Wyk, das tuberkulosekranke Kinder aufnahm.[27]


1933 ff. - Leben unter der Diktatur

Im Frühjahr 1933 endete die Zusammenarbeit mit den nichtjüdischen Frauen. 1933 druckte das Gemeindeblatt eine aufrüttelnde Rede " An unsere jüdischen Frauen", ab, die sie als Ansprache in der Generalversammlung des israelitischen Frauenvereins gehalten hatte. [28] Darin forderte die die jüdischen Frauen zum Zusammenstehen auf.

Nach innen schlossen sich die Reihen, der Fokus lag nun auf Anliegen der Kölner Judenschaft, der von Ida Auerbach lag besonders bei den jüdischen Frauen. U.a. verfolgte sie gemeinsam mit Rosi Karfiol Möglichkeiten einer leichteren Auswanderung nach Palästina durch die sog. "Berufsumschichtung" jüdischer Frauen, d.h. einer beruflichen Neuorientierung auf die Bedürfnisse von Krankenpflege und Handwerk, ggf. auch Landwirtschaft, statt akademischer und kaufmännischer Berufe.

Wie hochgeachtet sie war, zeigt eine Artikelserie des Gemeindeblattes, das im Herbst 1933 anlässlich des Neujahrsfestes Statements zur aktuellen Lage erbat - "Gedanken, Wünsche und Hoffnungen" sollten artikuliert werden. Dass als erster Beitrag der von Ida Auerbach abgedruckt wurde, dann erst der eines Rabbiners folgte, mag ihre große Wertschätzung spiegeln.[29]

Es kamen schlechte Nachrichten auch aus der Familie. Ihr Bruder Fritz, der noch in Wien den Nachnamen Kerry angenommen hatte und 1905 in die USA ausgewandert war und sich dort in Frederick umbenannt hatte, hatte zunächst große Erfolge gehabt, musste dann aber Konkurs anmelden und nahm sich 1921 das Leben.[30] 1934 starb ihr Bruder Otto in Wien, der sich ebenfalls in Kerry umbenannt hatte.[31]

Aufgrund ihrer Konversionen bestanden keine engen Kontakte mehr zu den Brüdern. 1935 kam das Leben der Mutter in Wien zum Ende. Nun hatte sie außer dem Mann und ihren Töchtern, die im Ausland bzw. Exil lebten, keine nahen Verwandten in Mitteleuropa mehr.


Emigration

1935 machte das Paar eine Auslandsreise, kehrte jedoch wieder nach Köln zurück.[32] Erst nach der Reichspogromnacht, die auch Folgen für das jüdische Krankenhaus gehabt hatte, und nach weiteren staatlichen Sanktionen fianzieller Art emigrierte das Paar im Februar 1939 nach Großbritannien (London). Benjamin Auerbach war über 80 Jahre alt, Ida an die 70.

Mit dem Gang ins Exil verlor Köln engültig eine Persönlichkeit, die nicht nur Ideen moderner Sozialarbeit in die jüdischen Frauen- und Wohlfahrtsvereine eingebracht hatte, sondern sich auch in der bürgerlichen Kölner Frauenbewegung für eine Professionalisierung der karitativen Arbeit und bessere Ausbildungsmöglichkeiten für Mädchen - und nicht zuletzt für die Demokratie eingesetzt hatte.

Im Juni 1940 zogen die Auerbachs weiter nach New York, wo die Tochter Lisbeth/Liese als Ärztin praktizierte. Bereits im November d. J. starb Benjamin Auerbach. Ida Auerbach folgte ihm am 5. August 1942. Das Paar liegt gemeinsam mit der Tochter auf dem Cedar Park Cemetery in Paramus, Bergen County, New Jersey, USA begraben. Nach dem Eheman wurde der Auerbach-Platz in Sülz benannt.

Literatur über Ida Auerbach

  • Azaryah, Tsevi/Asaria, Zvi (1959): Die Juden in Köln von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart, Köln: Bachem.
  • Becker-Jákli, Barbara (2004): Das jüdische Krankenhaus in Köln. Die Geschichte des Israelischen Asyls für Kranke und Altersschwache 1869-1945. Köln (Schriften des NS-Dokumentationszentrums der Stadt Köln, 11).
  • Becker-Jákli, Barbara; Wenge, Nicola (Mitarbeit) (2011): Das jüdische Köln. Geschichte und Gegenwart. Ein Stadtführer. Köln: Emons.
  • Broekema, Pauline (2020): Tekenares van Montparnasse. Het eigenzinnige kunstenaarsleven van Edith Auerbach. Amsterdam/Antwerpen De Arbeiderspers.
  • Kerseboom, Willem; Guus, Maria (2001): Edith Auerbach. An Introduction. Haarlem: Ars et animatio.
  • Sassenberg, Marina (1995): Zwischen Feminismus und Zedaka. der Jüdische Frauenbund in Köln 1926-1938. In: Kölner Frauengeschichtsverein (Hg.): Zehn Uhr pünktlich Gürzenich. Hundert Jahre bewegte Frauen in Köln. Zur Geschichte der Organisationen und Vereine. Münster: agenda, S. 239–244.
  • Weissberg, Yvonne (2016): Der Jüdische Frauenbund in Deutschland 1904 – 1939. Zur Konstruktion einer weiblichen jüdischen Kollektiv-Identität. Diss., Zürich. Online verfügbar unter https://doi.org/10.5167/uzh-150729, zuletzt geprüft am 19.12.2020


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Einzelnachweise

  1. Die zunehmende Bekanntschaft von John Kerry veranlasste einige Recherchen zu seinem Geburtsort und der Herkunftsfamilie, die ihm erstmals seine jüdische Herkunft eröffneten, vgl. https://www.nytimes.com/2004/05/16/us/kerry-s-grandfather-left-judaism-behind-in-europe.html.
  2. vgl. https://www.israelnationalnews.com/Articles/Article.aspx/13700. Der Genealoge aus Bennisch/Horní Benešov war Felix Gundacker. In der Faction-Story von Paulione Broekema wird die Mutter als durchsetzungsstark und Zigarrenraucherin beschrieben, vgl. Broekema, Pauline (2020): Tekenares van Montparnasse. Het eigenzinnige kunstenaarsleven van Edith Auerbach, Amsterdam/Antwerpen, Uitgeverij De Arbeiderspers 2020, S. 24.
  3. Als zwei der Namen sind bekannt: Bernhard und Josef Kohn.
  4. "The handwritten entry was included in the Pages for Israelites kept by the church in towns with small Jewish communities.", http://www.johnkerry.at/FG_Kerry_Grossvater.htm; vgl. Felix Gundacker: Die väterlichen Vorfahren von Außenminister John Kerry im März 2004, http://www.johnkerry.at/FG_Kerry_Allgemeines.htm, Stand: 2. Februar 2013
  5. vgl. http://www.johnkerry.at/FG_Kerry_Grossvater.htm
  6. Benjamin Auerbach wurde am 24.09.1855 in Wald bei Solingen geboren, er war also ca. 14 Jahre älter als sie. er hatte sich kurz nach Abschluss seines Studiums 1878 in Köln niedergelassen. Er soll so sehr Arzt gewesen sein, dass er es bisweilen vergaß, zu essen und Rechnungen zu schreiben. Er sprach viele Patient:innen mit Du an und kann als kölsch-jüdisches Original gelten.
  7. Edith Auerbach * 11.3.1899 wurde Zeichnerin und lebte die längste Zeit ihres Lebens in Paris, vgl. Broekema, Pauline (2020); vgl. Kerseboom, Willem; Guus, Maria (2001): Edith Auerbach. An Introduction. Haarlem: Ars et animatio.
  8. Sansder, Clara, S. 79.
  9. Vgl. Becker-Jákli, Barbara (2004): Das jüdische Krankenhaus in Köln. Die Geschichte des Israelischen Asyls für Kranke und Altersschwache 1869-1945. Köln (Schriften des NS-Dokumentationszentrums der Stadt Köln, 11), S. 375.
  10. Vgl. Becker-Jákli, Barbara (2004), S. 145.
  11. vgl. Broekema, Pauline (2020), S. 32.
  12. Vgl. Becker-Jákli, Barbara (2004), S. 238.
  13. vgl. Ellscheid, Rosa M. (1983): Der Stadtverband Kölner Frauenvereine. Ein Kapitel Frauenbewegung und Zeitgeschichte von 1909 - 1933. Köln: DuMont Schauberg.
  14. vgl. Broekema, Pauline (2020), S. 29.
  15. vgl. Broekema, Pauline (2020), S. 29.
  16. Dieses Interesse hatte eine familiäre Vorgeschichte, ihr in Mödling lebender Onkel Alfred Fränkel (der erwähnte Besitzer der Schuhfabrik) war ein Vorreiter der Gartenstadt-Idee gewesen. ER hatte die moderne Arbeitersiedlung „Kolonie“ in Mödling errichtet, die als "eine soziale Pioniertat" überliefert wird. "Die Arbeiter, die in der 'Kolonie' lebten, wurden beneidet, denn zu den Wohnungen gehörten auch kleine Gärten zum Anbau von Gemüse und Obst." Entsprechend der Profession des Onkels wurden die Häuser Schusterhäusln genannt. vgl. https://noe.orf.at/v2/radio/stories/2569409/. 1979 wurde die Siedlung unter Denkmalschutz gestellt.
  17. vgfl. Ida Auerbachs Artikel in der Kölner Frauenzeitung, H. 27, 1914.
  18. Vgl. zu der Großorganisation, in der reichsweit Hunderttausende von Frauen mitwirkten Amling, Elisabeth (1995): "Die Begeisterung in heller Flamme halten". Die Bürgerliche Frauenbewegung im Ersten Weltkrieg, in: Kölner Frauengeschichtsverein (Hg.) (1995): Zehn Uhr pünktlich Gürzenich. Hundert Jahre bewegte Frauen in Köln. Zur Geschichte der Organisationen und Vereine, Münster, S. 116-122.
  19. Weissberg, Yvonne (2016): Der Jüdische Frauenbund in Deutschland 1904 – 1939. Zur Konstruktion einer weiblichen jüdischen Kollektiv-Identität. Diss., Zürich. Online verfügbar unter https://doi.org/10.5167/uzh-150729, zuletzt geprüft am 19.12.2020, S- 225.
  20. vgl. Kölnische Zeitung vom 25.10.1915.
  21. vgl. Kölner Frauenzeitung, H. 35, 1914.
  22. vgl. HAStK, Bestand 1138: Stadtverband Kölner Frauenvereine, Sitzung vom 23. Januar 1918.
  23. TEKENARES VAN MONTPARNASSE. http://paulinebroekema.nl/tekenares-van-montparnasse .
  24. vgl. Sassenberg, Marina (1995): Zwischen Feminismus und Zedaka. Der Jüdische Frauenbund in Köln 1926-1938. In: Kölner Frauengeschichtsverein (Hg,): 10 Uhr pünktlich Gürzenich. Hundert Jahre bewegte Frauen in Köln - Zur Geschichte der Organisationen und Vereine. Münster , S. 239-244, hier: S. 241. 1929 verfügte er über eine Mitgliedsstärke von 13 Ortsgruppen und 75 Vereinen, vgl. BJFB, H. 6, Juni 1929, 5, Jg.
  25. vgl. Becker-Jákli, Barbara (2004), S. 463.
  26. Pappenheim hatte dabei stets die Eigenständigkeit der Wohlfahrt der/für Frauen betont, wie es auch Ida Auerbach handhabte. 1939 wurde er zwangsweise aufgelöst, 1951 als "Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland" (ZWST) neu gegründet, vgl. https://www.zwst.org/ - Vgl. die Broschüre zum 100 jährigen Jubiläum: 100 Jahre Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (1917 - 2017). Brüche und Kontinuitäten (2017). Hrsg.: Arbeitskreis Jüdische Wohlfahrt, Steinheim-Institut, ZWST. Redaktion: Sabine Hering, Harald Lordick, Gudrun Maierhof, Gerd Stecklina. Frankfurt, Fachhochschulverlag.
  27. Hier war sie im Arbeitsausschuss aktiv, vgl. BJFB, H. 7, April 1927, 3. Jg.
  28. Gemeindeblatt der Synagogengemeinde, H. 11 vom 26.5.1933, 3. Jg., S. 122-123.
  29. vgl. Gemeindeblatt Nr. 19 vom 15.9.1933, 3. Jg.
  30. Er hinterliess drei Kinder, u.a. Richard J. Kerry, den Vater des späteren US-Senators. Vgl. Broekema, Pauline (2020), S. 59.
  31. Der irische Name kam eher zufällig zustande: ""According to family legend, Fritz and another family member opened an atlas at random and dropped a pencil on a map. It fell on County Kerry in Ireland, and thus a name was chosen.", https://en.wikipedia.org/wiki/Richard_Kerry.
  32. vgl. Becker-Jákli, Barbara (2004), S. 292.