Friedl Münzer: Unterschied zwischen den Versionen

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Aktuelle Version vom 17. Mai 2019, 18:09 Uhr

Friedl Münzer, auch Friedel Münzer (* um 1895 in Wien; † 13. Januar 1967 in Köln) war eine Kölner Schauspielerin.


Familie und Ausbildung

Erste Berufstätigkeit

Ihre ersten beruflichen Erfahrungen machte die junge Schaupielerin in Mährisch-Ostrau, Weimar und Berlin. Ab 1926 war Friedl Münzer am Kölner Schauspielhaus angestellt. "Sie begann als Naive, wurde jugendliche Salon-Dame, später Erste Salon-Dame und weitete den Horizont ihrer Möglichkeiten bis ins Charakterfach. Aus der Fülle ihrer Rollen kann ich nur einige nennen, besonders bezeichnende, herausgreifen. Ich erinnere daran, daß sie Kölns erste Lulu in Wedekinds ERDGEIST in den zwanziger Jahren war. Ich erinnere an ihr Come back mit den Rollen bei Oscar Wilde, Moliere, Hofmannsthal, Eliot , Wilder.[1]

1922 wurde sie "als 'Salonschlange' neben kölnischer Prominenz aus den Bereichen Wissenschaft, Kunst, Politik und Wirtschaft in einer Karikaturenreihe des 'Stadt-Anzeigers' portraitiert...".[2], was ihre Position in der Mitte der Gesellschaft zeigt. Elfi Pracht charakterisiert sie als "vielumschwärmte Diva".[3]

Nationalsozialismus

Auf der Grundlage des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums (7.4.1933) wurde die beliebte Mimin entlassen, da sie Jüdin war. Sie trat nun dem von exkludierten JüdInnen gegründeten Jüdischen Kulturbund Rhein-Ruhr bei. Hier spielte sie in den ausgewählten, von der Tendenz her eher erheiternden Stücken mit. "Es bleibt noch hinzuzufügen, daß ein derart heiter-beschwingtes Programm mit stets charmant bleibendem Tiefgang kongenial den Talenten und Neigungen der 'Mittelpunktschauspielerin' des Kulturbundes Friedl Münzer entsprach, die vor 1933 am Kölner Schauspielhaus ihre Bewunderer als Salonlöwin mit Herz bezaubert hatte."[4] Mit dem 12. November 1938 wurde Juden und Jüdinnen verboten, Theater, Konzerte, Kinos und dergl. aufzusuchen. Der Jüdische Kulturbund Rhein-Ruhr ist "wahrscheinlich ... auf Grund der verzweifelten Fluchtbewegung im Anschluß an den Novemberpogrom personell ausgeblutet.", vermutet Pracht.[5]

Friedl Münzer scheint noch einige Zeit in Berlin gespielt zu haben, nachdem die Regierung die Fortsetzung der Arbeit des Kulturbundes angeordnet hatte. Am 11. September 1941 erfolgte das endgültige Verbot des Kulturbundes. Die Schauspielerin konnte sich in den Jahren der NS-Zeit anscheinend bei KölnerInnen verbergen und überlebte die rassistische Diktatur im Untergrund. Der spätere OB Burauen lobte kollektiv die StadtbürgerInnen: "Es gab ... auch in Deutschlands dunkelster Zeit, in den Jahren der nationalsozialistischen Ära bei ihr kein Verzagen, wenn auch genährt und bestärkt durch den menschlichen Beistand, den sie erfahren durfte. Als Oberbürgermeister dieser Stadt darf ich stolz darauf sein, dass sich Kölner Bürger als die wahrhaften Repräsentanten in dieser Zeit und in dieser Stadt ihr gegenüber nicht versagt haben."[6]

Nachkriegszeit

"Die Schauspielerin Friedl Münzer, der 'Star' des Kulturbundtheaters Rhein-Ruhr, ... folgte 1945 mit Tränen in den Augen einem Ruf an das Kölner Schauspielhaus. Hier ist sie schnell wieder 'die Unsrige (Wilhelm Unger) geworden.', konstatiert Elfi Pracht leicht ironisch.[7] Berührend, wie sie selbst die Rückkehr beschrieb: "Als Wilhelm Pilgram und Garg mich 1945 fragten: 'Machst du wieder mit, Friedl?' habe ich mir gedacht: 'Wovon reden die Dummen eigentlich. Als ob ich je fort gewesen wäre! Als ob ich nicht immer - Tag für Tag - dabeigewesen wäre!"[8] 1945, als Friedl Münzer wieder da war, konnten wir sie nicht nur wie eine Heimkehrende mit offenen Armen empfangen; wir haben sie wieder hervorgeholt wie einen Schatz, der sich verbergen musste, und dem sich zu verbergen geholfen wurde. Friedl Münzer pflegte über diese für sie schrecklichen und gefahrvollen Jahre nicht zu sprechen, aber sie konnte beredt werden, wenn sie von den vielen sprach, die ihr damals beigestanden haben.[9] Auch vertiefte sich ihre politische Haltung als Zeitgenossin: Ihr war nicht gleichgültig, was geschah, ob auf der Staatsebene, ob in der Stadt, in dem Gemeinwesen, dem sie sich verbunden fühlte. Auch in ihr waren aus Erfahrungen Erkenntnisse gereift, die sie warnend aussprechen ließen: Nie zu vergessen, was geschehen und alles, eben auch persönlich zu tun, um eine Wiederholung unmöglich zu machen.[10] Sie selbst schrieb 1966:" Das letzte Stück, in dem ich 1933 auftrat, hieß 'Frisch gestrichen'. Wenn ich abends auf der Bühne stand, ging mir durch den Kopf: Auch Deutschland war frisch gestrichen! Eine neue Farbe überzog das Land. Aber Farben haben es so an sich, sich abzunutzen. ... Meine Hoffnung hat mich nicht betrogen."[11]

In der Nachkriegszeit konnte sie wieder an die alten Erfolge anschliessen. "Ich rufe zurück ihren erfolgreichen Einsatz für den Flamen Paul Willems und nicht zuletzt ihre von eigener Erfahrung geprägte Darstellung der Mutterrolle im TAGEBUCH DER ANNE FRANK.[12]

Neben ihrem Engagement gab sie Schauspielunterricht, u.a. an Rahel Sanzara.[13] Sie wirkte an Rezitationen auf anderen Bühnen mit (z.B. 1955 in der Operette Die Zirkusprinzessin von Emmerich ; 1961 Ungeduld des Herzens), beteiligte sich an Schallplattenaufnahmen (z. B. bei dem Album Der letzte Walzer von Oscar Straus 1953/4 ) und arbeitete im Westdeutschen Rundfunk mit.

Engagement

Friedl Münzer engagierte sich ab 1929 in der GEDOK KÖLN und trat bei verschiedenen Veranstaltungen als Rezitatorin auf. Auch ist wiederholt von ihrem starken sozialen Engagement die Rede.[14]

Ehrung

Sie war fast 40 Jahre lang am Kölner Schauspielhaus engagiert und wurde dafür 1966 mit einer Feier geehrt. Nach ihrem Tod 1967 veranstaltete das Schauspiel Köln der Schauspielerin eine würdige Abschiedsfeier mit Reden von Oberbürgermeister Theo Brauen, Kaspar Brüninghaus und Arno Assmann.

Aus den Nachrufen

  • "Als uns am Freitag vor einer Woche, morgens vor Beginn der Proben, die Nachricht vom kurz zuvor erfolgten Tode von Friedl Münzer im Theater erreichte, waren wir alle ungläubig, wie vor den Kopf geschlagen, weil sie die Grenzen dessen, was wir für vorstellbar hielten, überstieg. Dabei hatte es viele Monate zuvor nicht an Befürchtungen für ihre Gesundheit und ihr Leben gefehlt. Als sie dann wieder in unsere Mitte trat, frisch, temperamentvoll, energisch wie immer., da glaubten wir alle Gefahr überwunden und feierten ihr großes Jubiläum der 40jährigen Zugehörigkeit zu den Bühnen der Stadt Köln, ohne daß ein Schatten darüber fiel. ... Friedl Münzer ist es in beinahe sechzig Theaterjahren, darunter mehr als vierzig in Köln, vergönnt gewesen, unzählige Gestalten zum Leben zu erwecken und mit ihrem Leben zu erfüllen. ... Zum letzten Mal stand sie als Lady Bracknell in Wildes BUNBURY auf diesen Brettern, und in dieser Rolle haben wir sie gefeiert. Jeder von uns wird die eine oder andere Rolle am lebendigsten in seiner Erinnerung bewahren. Für sein Gedenken an die Schauspielerin und den Menschen Friedl Münzer ist das letztlich belanglos, denn in jeder Rolle gestatte sie uns Zutritt zum Kern ihres Wesens. Sie wurde immer mehr zu dem , was sie spielte und immer mehr spielte sie das, was sie war: Eine Persönlichkeit war sie, und das ist nach Goethe 'höchstes Glück der Erdenkinder'. ... Kunst und Leben: Friedl Münzer wußte beide als Einheit zu begreifen, aus dem, was sie war, und dem, was sie tat. ...Fluch und Segen eines intensiv erlebten Daseins, die Kraft, es zu fühlen, zu genießen und lange zu halten, ist Friedl Münzer vergönnt gewesen. Und sie hat das Glück erfahren, die erlebte Intensität nicht mit dem Verlust an Dauer ihres Lebens bezahlen zu müssen. Zu Münzers Heiterkeit: Sie war das Ergebnis nicht nur ignorierter, sondern aufgelöster Dissonanzen. Sie besaß eine Lebensfülle , deren Wurzeln tief unter die Oberfläche bloßer Freude an den Annehmlichkeiten des Daseins reichten. Ihrem weiten, großen Herzen für andere entsprach in ihrem Verhältnis zu sich selbst ein kritischer, soll heißen unterscheidender Humor, eben die Fähigkeit sich menschlich und nicht tierisch ernst zu nehmen." Generalintendant Arno Assmann)
  • "Die Verbindung von Charme und Humor, der Wiener Ursprung und die kölnisch-rheinische Beifügung fanden in ihr eine einmalige Verkörperung. Wie viel an Freude und Erhebung hat sie uns aus vollem Herzen und mit vollen Händen gegeben, und sie konnte es leicht, da sie uns in ihr Herz geschlossen hatte, so wie wir sie in unseren Herzen trugen. ... Welch starker Glaube der Lebenserwartung muß dieser Frau innegewohnt haben, noch in der gleichen Minute, in der ihr Gott die Hand zu einem anderen Weg reichte. So war sie immer ihre ganzes Leben erfüllt von der gläubigen Zuversicht, mit den letzten Fasern von Spannkraft, ja Jugend und Schönheit, uns immer wieder die größere Einheit des Theaters, aus Bühne und Parkett, Künstler und Publikum, die letztlich die Bedeutung eines Theaters für uns Bürger ausmacht, und die Stadt, die es unterhält und in der es sich befindet, zu zeigen. In dieser Hingabe war sie nicht ein Objekt, das man auf der Bühne bestaunt und bewundert, sie war viel mehr: Eine Künstlerin als selbstbewußte Mitbürgerin. Sie war auch eine politisch – das allgemein gesprochen – hochinteressierte Mitbürgerin. ... Traf man Friedl auf dem gesellschaftlichen Parkett, wie menschlich-natürlich, fraulich-bezaubernd und fröhlich-aufgeschlossen, wenn auch hier und da mimisch herausgelockt. Wer wird dies verargen – ist sie uns begegnet. ... Mit einem Augenaufschlag, Augenzwinkern oder Augenhindeuten besaß sie wie selten einer die Kunst des Beherrschens der jeweiligen Situation. Sie besaß überhaupt das in majestätischer Manier, dessen wir uns leider immer wieder unpersönlich anmutenden Welkt entbehren – nämlich die menschliche Natürlichkeit, die keinen Fehlschluß zuließ. Wer sich an ihr zu versuchen suchte, stieß auf ein kristallklares Naturell ...“ SPD-Oberbürgermeister Theo Burauen


  • „Selbst härteste berufliche Arbeit, die sie mit beispielgebendem Fleiß erfüllte, hätte sie nicht von ihren sozialen Bemühungen zurückhalten können. Was sie tat, tat sie mit Freude und großer Tatkraft, - wenn es nötig wurde, ohne sich selbst zu schonen.“ Schauspielkollege Kaspar Brüninghaus

O-Töne

Literatur

  • Friedl Münzer: Zwölf Männer und ich. in: Kölner Stadtanzeiger, Nr. , 24/25. September 1966
  • Wilhelm Unger: Eine große Künstlerin und eine große Dame. in: Kölner Stadtanzeiger, Nr. 12, 14./15. Januar 1967
  • Zur Erinnerung an Friedl Münzer gibt der Verein der Freunde der Kölner Bühnen seinen Mitgliedern die Gedächtnisansprachen ... in der Trauerfeier der Bühnen der Stadt Köln am 22. Januar 1967. Hrsg. von Hermann Jahrreis, Bachem Verlag Köln [1967]
  • Elfi Pracht: Jüdische Kulturarbeit in Köln 1933–1941, in: Geschichte in Köln, Köln 1991, H. 9, S. 119–155
  • Kölner Personenlexikon, hsrg. von Ulrich S. Soenius und Wilhelm Unger, Greven 2008, S. 385

Einzelnachweise

  1. Arno Assmann in: Zur Erinnerung an Friedl Münzer gibt der Verein der Freunde der Kölner Bühnen seinen Mitgliedern die Gedächtnisansprachen ... in der Trauerfeier der Bühnen der Stadt Köln am 22. Januar 1967. Hrsg. von Hermann Jahrreis, Bachem Verlag Köln [1967], ohne Pag.
  2. Elfi Pracht: Jüdische Kulturarbeit in Köln 1933–1941, in: Geschichte in Köln, Köln 1991, H. 9, S. 119–155, S. 119
  3. ebenda
  4. Elfi Pracht: Jüdische Kulturarbeit in Köln 1933–1941, in: Geschichte in Köln, Köln 1991, H. 9, S. 119–155, S. 119
  5. Elfi Pracht: Jüdische Kulturarbeit in Köln 1933–1941, in: Geschichte in Köln, Köln 1991, H. 9, S. 119–155, S. 150
  6. Theo Burauen in: Zur Erinnerung an Friedl Münzer gibt der Verein der Freunde der Kölner Bühnen seinen Mitgliedern die Gedächtnisansprachen ... in der Trauerfeier der Bühnen der Stadt Köln am 22. Januar 1967. Hrsg. von Hermann Jahrreis, Bachem Verlag Köln [1967], ohne Pag.
  7. Elfi Pracht: Jüdische Kulturarbeit in Köln 1933–1941, in: Geschichte in Köln, Köln 1991, H. 9, S. 119–155, S. 154/5
  8. Friedl Münzer: Zwölf Männer und ich. In: Kölner Stadtanzeiger, 24/25. September 1966, zit. nach Pracht, S. 155
  9. Theo Burauen in: Zur Erinnerung an Friedl Münzer gibt der Verein der Freunde der Kölner Bühnen seinen Mitgliedern die Gedächtnisansprachen ... in der Trauerfeier der Bühnen der Stadt Köln am 22. Januar 1967. Hrsg. von Hermann Jahrreis, Bachem Verlag Köln [1967], ohne Pag.
  10. Theo Burauen in: Zur Erinnerung an Friedl Münzer gibt der Verein der Freunde der Kölner Bühnen seinen Mitgliedern die Gedächtnisansprachen ... in der Trauerfeier der Bühnen der Stadt Köln am 22. Januar 1967. Hrsg. von Hermann Jahrreis, Bachem Verlag Köln [1967], ohne Pag.
  11. Friedl Münzer: Zwölf Männer und ich. in: Kölner Stadtanzeiger, 24/25. September 1966
  12. Arno Assmann in: Zur Erinnerung an Friedl Münzer gibt der Verein der Freunde der Kölner Bühnen seinen Mitgliedern die Gedächtnisansprachen ... in der Trauerfeier der Bühnen der Stadt Köln am 22. Januar 1967. Hrsg. von Hermann Jahrreis, Bachem Verlag Köln [1967], ohne Pag.
  13. http://www.agentur-delaberg.de/archiv/schanzara.htm
  14. Archiv GEDOK KÖLN

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