Els Vordemberge: Unterschied zwischen den Versionen

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Version vom 4. November 2012, 19:02 Uhr

Else Vordemberge, geb. Tintner (* 05. Juli 1902 in Wien; † 25. Februar 1999 in Köln) war eine österreichische Schauspielerin, Journalistin und Begründerin des Kinderfunks im WDR (WERAG)


Jugend und Ausbildung

1911 zog die neunjährige Else Tintner mit ihrer Familie nach Düsseldorf, wo sie auch die Schule besuchte. Als junges Mädchen wollte sie Schauspielerin werden und erhielt Unterricht am Schauspielhaus Düsseldorf bei Louise Dumont und Gustav Lindemann. Nach der Ausbildung in der „renommierten Institution, aus der u.a. Gustaf Gründgens und zahlreiche Mitglieder des späteren WERAG-Hörspielensembles hervorgegangen sind“[1] wurde sie an die Rheinische Landesbühne in Düren engagiert. Der niedersächsische Maler und Bühnenbildner Friedrich Vordemberge war seit 1921 in Düren Bühnenbildner und stellvertretender Direktor der Bühne. Gemeinsam traten die beiden mit dem Theater in Osnabrück, Köln und Bremen auf. Um 1924 ließen sie sich in Köln nieder, 1926 heirateten sie.

Rundfunk: WERAG

Ein Bühnenkollege, Alexander Maass, der sich beim Funk als Sprecher beworben hatte, kontaktierte die 25-jährige Kollegin und gewann sie für das Radio. Ab 1927 wirkte sie bei dem Kölner Sender WERAG (Westdeutsche Rundfunk AG) in der Dagobertstraße mit. Ihre Leidenschaft als Schauspielerin war im Hörfunk gefragt: Sie erzählte Märchen, rezitierte Lyrik und übernahm Rollen in Hörspielen für Erwachsene. „Ich habe unter Intendant Ernst Hardt im allerersten Hörspiel mitgewirkt, das der Westdeutsche Rundfunk produziert hat", erzählte sie, "es war ‚Hanneles Himmelfahrt’ von Gerhart Hauptmann.“[2]) Sie war eine gefragte Sprecherin: „In der Folgezeit gab es keine Hörspielaufnahme, bei der Els Vordemberge nicht eingesetzt wurde.“[3].

Als sie hörte, dass eine Kollegin, die ab und zu Märchen für Kinder verlesen hatte, aufhören wollte, „bin ich zu Hardt gegangen und habe ihn gefragt, ob ich das nicht übernehmen könne.“ Ab dem Zeitpunkt gab es die Kinderstunde – täglich außer Sonntag. „Was recht bescheiden begann, entwickelte sich sehr schnell zu einem lebendigen und abwechslungsreichen Programm.“[4]. Eis Vordemberge genügte es jedoch nicht, Märchen nur vorzulesen. Sie ließ die Märchen, sozusagen als Vorform des Kinderhörspiels, von Kindern mit verteilten Rollen spielen. Damit war auch der erste Schritt zur Teilnahme von Kindern an Sendungen für Kinder beschritten. [5]

Die zur Leiterin des Kinderfunks aufgestiegene Journalistin ging mit den jungen HörerInnen aus dem Studio heraus, auf Bauernhöfe, in eine Uhrenwerkstatt oder in den Zoo, das Mikrofon immer dabei.[6] Sie organisierte 1932 Rheinfahrten für Kinder und Eltern für immerhin 600 Personen.[7]

Verfolgung und Solidarität

Bereits im Januar 1932 hatte das NSDAP-Organ Westdeutscher Beobachter über den WDR geschrieben: „Der Westdeutsche Rundfunk hat sich unter der Intendanz des Herrn Ernst Hardt zu einer Brutstätte pro-bolschewikischer Zersetzungsarbeit entwickelt. Man stelle sich vor: Von den neun Dezernaten des Westdeutschen Rundfunks sind die sieben wichtigsten mit Juden besetzt!“ [8]

Im April 1933 entließ der Sender sie als Jüdin aus dem öffentlichen Dienst. Sie durfte die Redaktion nicht mehr betreten. Aufgrund ihrer jüdischen VorfahrInnen war sie – ebenso wie ihr Bruder – bedroht, aber anders als ihr Bruder war sie zunächst geschützt, da sie mit einem ‚arischen’ Mann verheiratet war. Der Bruder, der noch in Düsseldorf lebte, erhielt im April 1942 den Befehl, sich zur Deportation bereit zu halten. Els überredete ihn zur Flucht, ein Netzwerk von Freunden der Vordemberges half ihm von Versteck zu Versteck. Aber auch ihre Ehe mit Friedrich Vordemberge, der in den späten 1930ern selbst als „entarteter Künstler“ galt, war kein dauerhafter Schutz. „Im Oktober 1944 ließen die Nazis die nichtarischen Ehepartner der nach den Nürnberger Rassegesetzen bezeichneten privilegierten Mischehen in Lager bringen. Meine Schwester Els, die mit ihrem Mann nach der Ausbombung der Kölner Wohnung in Honnef lebte, sollte abgeholt werden. Der Leiter des Honnefer Polizeiamtes hieß Grohe. Dieser Bruder des Kölner Gauleiters Grohe ließ meine Verwandten und die in gleichen Verhältnissen befindliche Honnefer Familie Julius Bretz - bekannter rheinischer Maler – vor der bevorstehenden Verhaftung warnen. Beide Familien flohen und konnten sich retten.“ [9]

Els Vordemberge wurde im Dezember 1944 von einem befreundeten Ehepaar aus Köln-Zollstock, Dr. med. Sigurd und Hilde Lorck, sowie von dessen Bruder Dr. jur. Fritjof Lorck versteckt, mal in deren Wohnungen, mal im Sanitätsraum des Luftschutzbunkers in der Herthastraße. Sie „... floh von Versteck zu Versteck, über Monate konnte sie ihren Mann nicht sehen und wusste nicht, ob er lebte.“[10] Zu Beginn des Jahres 1945 erkrankte Els Vordemberge und musste wieder aus Köln heraus. Abermals fand der Bruder eine mutige Person, Frau Zech, die sie (und ggf. ihren Mann) in dem Städtchen Rheinbreitbach aufnahm. „Auf einen Verfolgten mehr oder weniger kommt es nicht mehr darauf an“, war ihr Kommentar. Jetzt konnte ich meinen Verwandten ihre Hilfe zu Beginn meiner Flucht entgelten.“, erinnert sich Heinz Tintner. [11] Bis zur Ankunft der Amerikaner am 7. März 1945 konnte Els Vordemberge dort bleiben. Weiter Heinz Tintner: „Wir, eine Gruppe von 14 Personen, zogen im Morgengrauen in eine vorbereitete Höhle des nahegelegenen Westerwaldes. Mit dem Mann unserer Haushälterin ... hatte ich sie für den Notfall, verschwinden zu müssen, angelegt.“[12].

Rundfunk:(N)WDR

Der Stachel der Bedrohung und Ausgrenzung saß tief, gerade auch von Seiten der Institution Rundfunk. „Nach dem Ende de Nationalsozialismus wollte sie ‚niemals wieder etwas mit dem Funk zu tun haben’. Doch wieder war es Alexander Maass, diesmal in der Uniform als britischer Kontrolloffizier beim NWDR, der die 44-jährige wieder zum Rundfunk holte.[13] Ab 1946 verfasste sie Manuskripte für den unter englischer Oberhoheit stehenden Sender. Ihre bisherige Redaktion gehörte zu der Zeit noch zu den von den Briten geschaffenen Abteilung „Head of Literary Department“ (Leitung Karl Petry). [14] Als Jüdin unverdächtig, wurde sie im gleichen Jahr wieder Leiterin des Kinderfunks beim NWDR, der ab 1948 in deutscher Verantwortung stand und ab 1956 selbständig als WDR agierte. „Intendant Max Burghardt würdigt in seinen Memoiren Els Vordemberge beim Wiederaufbau des Senders als »starke Stütze«.“ [15]

Els Vordemberge sprach den Kindern in ihren Sendungen weiterhin sehr aktive Rollen in den Sendungen zu und lud über Jahre junge Gäste ein, - sofern diese eine deutliche Aussprache, gute Schulnoten und Lebendigkeit vor dem Mikrofon bewiesen. Sie musizierte oder malte mit den anwesenden Kindern, löste Rätsel mit ihnen, stellte neue Kinderbücher vor, organisierte während der Karnevalszeit Kindersitzungen. Bevor partizipative Medien und Talkshows üblich waren, veranstaltete sie jeden ersten Freitag des Monats einen ’Kinderkongreß’, bei dem Mädchen und Jungen in der Sendung über ein selbst gewähltes Thema sprachen. „Den Vorsitz des »Kongresses«, der u.a. Vorträge mit Diskussionen oder Buchbesprechungen durch »Annette Bücherwurm« vorsieht, führt ein Kind, und Kinder sind Ansagerinnen und Ansager. Die Redakteurin und der Regisseur Fritz-Peter Vary sind als »Ehrenmitglieder« zugelassen.“[16]

Die Sendung war extrem beliebt. "Liebe Tante Els, ... wann dürfen wir einmal zu Dir kommen?“ bettelten sie. Els Vordemberge, deren Mann inzwischen Direktor der Werkschulen Köln war (1959 bis 1965), beantwortete jeden Brief eines Kindes und lud viele ein. Die Eltern waren bisweilen stolzer als die Kinder über deren Auftritte, wie Els Vordemberge sich erinnerte. [17] Noch lange erkannten KölnerInnen sie an ihrer Stimme, und in Köln sind bis heute Erwachsene anzutreffen, die sich gut an ihre Auftritte bei der ‚Kindertante’ erinnern. U.a. war Lotti Krekel ein junger Gast, die sich von Els Vordemberge sehr gefördert fühlte.

In den 1960er Jahren wurde ihr das bayerische Hörspiel Pumuckl angeboten. Els Vordemberge und ihre Kollegin Ingeborg Oehme-Tröndle entschlossen sich jedoch, eine rheinische Figur, den Fizzibitz, daraus zu machen, der sehr populär wurde ("Immer dieser Fizzibitz").[18] und [19]

Auch mit der Verbreitung des neuen Mediums Fernsehen hielt sie Schritt, baute die Redaktion für ersten Kinderprogramme mit auf. Els Vordemberge blieb jedoch eine Liebhaberin des Radios. Bis zu ihrer Pensioniering 1964 war sie Leiterin des Kinderfunks. Danach begleitete sie ihren Mann, der ein berühmter Maler geworden war, bis zu seinem Tod 1981 zu seinen Ausstellungen im In-und Ausland.

Engagament

Das kinderlose Paar Vordemberge führte ein gastfreundliches Haus am Hansaring (ab 1948 am Hansaring 17, vermutlich in den spätern 1970ern am Hansaring 18). Rege bis ins hohe Alter, gingen beide ihren Interessen nach, u.a. Kunst, Theater und auch Sport.[20] Els Vordemberge engagierte sich zudem seit der Wiedergründung in der GEDOK Köln, rezitierte u.a. des öfteren Lyrik. 1955 wurde sie zur Fachbeirätin der Gruppe Sprechkunst gewählt.

Würdigungen

  • „’Selbst ist sie wie ein Märchen’, schrieb Wilhelm Hoffmann einmal über Els Vordemberge, selbst ein ständiger Quell, der sich nie erschöpft, immer neu und frisch entspringt. Die Variation ihres Programmes ist unerschöpflich.“[21].
  • „Ihrer energischen, sehr raschen Art zu entscheiden, merkt man nicht an, was sie überwinden musste.“[22]
  • „Els Vordemberge kommt nicht nur das Verdienst zu, den Kölner Kinderfunk in den 20er Jahren begründet zu haben, sie hat auch den Wiederaufbau des NWDR Köln nach dem Krieg mitgestaltet und das Profil des (N)WDR-Kinderfunks maßgeblich bestimmt.“[23]
  •  »Wer sie anschaut oder mit ihr ins Gespräch kommt und nicht vergnügt wird«, schrieb eine Journalist über sie, »gehört ins Museum«.[24]
  • „Els Vordemberge hatte keine besondere Methode, mit Kindern umzugehen und sie zum Spielen und Reden zu ermuntern. Sie nahm sie lediglich ernst.“[25]

Literatur/Quellen

  • Tintner, Heinz (1907-1985): Bericht/Lebensbeschreibung im HAStK, Bestand 1344, Nr. 1082, Teilkopie im Kölner Frauengeschichtsverein, Dossier Els Vordemberge
  • Schneider, Christof: Els Vordemberge zum 90. in: FI, Nr. 17, Sept. 1992, S. 519-520.
  • Wegon, Wol ### : Els, die Frau vom Kinderfunk. In: WDRSpots, Dez 1980
  • Bold, Hilde: Marschallin in der Kinderstube. Els Vordemberge vom Kölner Rundfunk. Kölnische Rundschau (?) Rubrik ... des Westens
  • Organigramm der WERAG der Weimarer Zeit: http://www.dra.de/rundfunkgeschichte/radiogeschichte/organisation/pdf/WERAG_1924-1933.pdf
  • Bernard, Birgit : Eis Vordemberge (1902 - 1999) in: Rundfunk und Geschichte 25 (1999) http://rundfunkundgeschichte.de/assets/RuG_1999_2-3.pdf (S. 152/153)
  • Historisches Archiv des WDR
  • Becker-Jákli, Barbara: Jüdisches Schicksal in Köln 1918-1945, Ausstellungskatalog Historisches Archiv der Stadt Köln – NS-Dokumentationszentrum, Köln, 1988, S. 99



Einzelnachweise

  1. Bernard, S. 152
  2. zit. nach Schneider, S. 520
  3. WDRSpots, Dez 1980
  4. WDRSpots, Dez 1980
  5. vgl. Bernard
  6. vgl. Schneider, S. 520
  7. http://www.kulturation.de/ki_1_text.php?id=23
  8. zit. nach http://de.wikipedia.org/wiki/Westdeutscher_Rundfunk_K%C3%B6ln
  9. Heinz Tintner, Bericht im HAStK Bestand 1344, Nr. 1082
  10. Schneider, S. 520
  11. Bericht im HAStK Bestand 1344, Nr. 1082
  12. Tintner, Bericht
  13. Schneider, 520
  14. vgl. Schneider, S. 519
  15. Bernard, 153
  16. Bernard, 153
  17. vgl. Schneider, s. 519
  18. vgl. http://www.clh-board.net/index.php?page=Thread&threadID=17841
  19. http://www.hoerdat.in-berlin.de/select.php?S=0&col1=ti&a=Fizzibitz%20wird%20sichtbar
  20. vgl. Bernard, 153
  21. zit. nach Schneider, 520
  22. Hilde Bold
  23. Bernard, S. 153)
  24. zit. nach Bernard 153
  25. Schneider, 520


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