Elisabeth Moses

Aus FrauenGeschichtsWiki
Wechseln zu: Navigation, Suche

Elisabeth Moses (* 1894 Köln; † 21. Dezember 1957 in San Francisco) war eine Kunsthistorikerin und Museumskustodin mit einem Schwerpunkt Jüdische Geschichte.


Familie

Elisabeth Caroline Moses war eine Tochter des Sanitätsrates und HNO-Facharztes Dr. Salli Moses, der in eigener Praxis, am katholischen Franziskus-Hospital und am Israelitischen Asyl in Köln-Ehrenfeld praktizierte, und der Luise Rothschild. Die Mutter war Vorstandsmitglied des Kölner Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen. Das elterliche Wohnhaus lag in der Kölner Innenstadt, Elisenstraße 3 und damit ab 1935 direkt neben dem Gestapohauptquartier (heute NS-Dokumentationszentrum). Ihr Bruder Paul [Paul Josef] Moses unterhielt eine Praxis in der Elisenstr. 24. [1]

Ausbildung

Elisabeth Moses war auf dem aus der Frauenbewegung erwachsenen humanistischen Mädchengymnasium, zu der Zeit lag dies am Marienplatz 28. Sie machte dort 1912 das Abitur, - zusammen mit Luise Straus. Danach studierte sie - wie Luise Straus - Kunstgeschichte in Bonn, da die Kölner Universität noch nicht wieder existierte. Dazu wählte sie als Nebenfächer Archäologie und Architektur. Elisabeth Moses verfasste eine Dissertation über Pflanzendarstellungen in der deutschen Kunst des 14./15. Jahrhunderts. Ausgedehnte Reisen führten sie in europäische Länder und auch in die Türkei, nach Syrien und Ägypten. Auf einer gemeinsamen Reise durch Nordafrika, die sie gemeinsam mit ihrem Bruder machte, lernte sie die sechs Jahre ältere, erfolgreiche österreichische Schriftstellerin Vicki Baum kennen; die Geschwister freundeten sich mit dieser an.[2]

Berufstätigkeit

1919 beeindruckte ein Vortrag über Gauguin, van Gogh und Cezanne im Kunstgewerbe-Museum (KGM) am Hansaring Elisabeth Moses sehr stark. Sie hielt nun selbst Vorträge wie "Die neuere Kunst" (17.12. 1919), konnte jedoch zunächst nicht im Bereich Moderne Kunst arbeiten, sondern nahm 1920 eine Stelle als 'wissenschaftliche Hilfsarbeiterin' im Kunstgewerbe-Museum der Stadt Köln an. Das Museum am Hansaring sollte unter dem neuen Direktor Prof. Karl Schäfer einer Neuordnung unterzogen werden, und sie wurde an der Re-Konzeptionierung hin zu einer ästhetischen Schausammlung beteiligt. Ihr fachlicher Schwerpunkt lag - der Promotionsarbeit entsprechend - auf der Kunst aus den Rheinlanden und Köln. Im KGM war sie für die Textil- und Porzellansammlung zuständig, desgleichen - sehr ehrenvoll - für die Abteilung Alte Gemälde im Wallraf-Richartz-Museum (WRM).[3] 1926 zur wissenschaftlichen Assistentin bzw. Kustodin aufgestiegen katalogisierte Dr. Moses u.a. die Schmucksammlung des Hauses. Sie war als Autorin tätig und hielt weiterhin Vorträge (z.B. beteiligte sie sich im Februar 1924 an einer Vortragsreihe zu Kölner Kunstgeschichte, im Februar 1925 referierte sie im Wallraf-Richartz-Museum über M. Schongauer usf.). Anlässlich der Jahrtausendausstellung 1925 in Köln wurde eine neue Abteilung Juden und Judentum im Rheinland im KGM ins Leben gerufen, die sie gemeinsam mit dem Gemeinderabbiner Dr. A. Kober erstellte. Für die drei zu bestückenden Räume regte sie zahlreiche Ankäufe an. Viele dieser Judaica fanden später in das Kölnische Stadtmuseum. Die Jahrtausendausstellung stellte einen großen Aufwand an Recherche und Leihgeber-Korrespondez dar. "Die meisten Exponate der jüdischen Abteilung waren zum ersten Mal öffentlich zu sehen. Leihgeber aus 60 Städten - Archive, Bibliotheken, jüdische Gemeinden und Privatpersonen - hatten Objekte zur Verfügung gestellt. Kölner Leihgeber waren in erster Linie jüdische Familien des gehobenen Bürgertums."[4] Die Exponate spiegelten "sowohl die Bedrückung und Einschränkung, unter denen das rheinische Judentum vom Mittelalter bis in die Emanzipationszeit des 18. und 19. Jahrhunderts gelebt hatte, als auch das innerhalb der Gemeinschaft dennoch entstandene vielfältige Geistesleben."[5] Die Kölnerin wurde damit eine beachtete Spezialistin für die bisher museal nicht berücksichtigte jüdische Kunstgeschichte in der regionalen Ausprägung. Ihre schriftlichen Ausführungen, u. a. zu häuslichen Kultusgeräten, verraten eine große Vertrautheit mit dem religiösen Judentum. [6] Die jüdische Abteilung der Jahrtausend-Ausstellung, die eineinhalb Millionen BesucherInnen anzog, war zwar nicht ein Mittelpunkt der Wahrnehmung der ChristInnen, aber für die jüdischen Gäste sehr wichtig und stieß auf große Anerkennung: "Dies überrascht nicht, denn das Konzept des 'deutschen Staatsbürgers jüdischen Glaubens', des 'deutschen Juden auf rheinischer Erde', spiegelte ein Bewusstsein wider, von dem der Großteil des deutschen, rheinischen wie kölnischen Judentums in den Jahren der Weimarer Republik geprägt war." [7] Sicher auch Elisabeth Moses selbst.

Die theoretischen und praktischen Kenntnisse und Erfahrung der Kunsthistorikerin prädestinierten sie dazu, 1928 an der Abteilung des jüdischen Sonderpavillons auf der Internationalen Pressa mitzuwirken. Diese Ausstellung stellte erstmals die rheinische jüdische Kultur als "Mitträgerin rheinischer und damit deutscher Kultur" heraus. Allerdings hat der zunehmende Antisemitismus der späten 1920er Jahre auch zu einer verstärkten Hinwendung zum Zionismus geführt.[8] Auch diese Ausstellung fand bei den Nicht-Jüdinnen wenig Aufmerksamkeit - außer bei den NationalsozialistInnen. [9]

"Im Jahre 1929 geriet sie in den Strudel eines von der Kölner Presse begierig aufgenommenen Skandalprozesses, der zu ihrer vorläufigen Entlassung aus dem städtischen Dienst führte. Der Vorwurf, sie habe ein 'unsittliches Verhältnis' mit dem Leiter des Kunstgewerbemuseums Karl Schäfer gehabt erwies sich als haltlos und Ergebnis einer Intrige, die aber zur Entlassung des bei der Kölner Stadtverwaltung ohnehin umstrittenen Museumsdirektors führte." [10] Elisabeth Moses wurde wieder eingestellt.

Unter dem neuen Direktor des Kunstgewerbemuseums Dr. Karl With war sie abermals an einer Neukonzeption des Hauses beteiligt, eine "aufsehenerregend moderne[] Neugestaltung" - diesmal ahistorisch angelegt. 1931 zeigte sie zusammen mit Edith Meyer-Wurmbach eine größere Modeausstellung im KGM. Dabei übernahm sie auch die 'launige' Moderation im historischen Kostüm. Vermutlich ihren letzten kunsthistorischen Beitrag für deutschsprachige Publikationen leistete sie in Artikeln für das angesehene Reallexikon zur deutschen Kunstgeschichte.

Engagement

Ob Elisabeth Moses als Kunstförderin bei der 1929 gegründeten Künstlerinnengruppe GEDOK Köln mitwirkte ist nicht gesichert. Am 14.3.1932 hielt "Frl. Dr. Moses" einen Vortrag und führte eine Gruppe Kunsthandwerkerinnen "durch die neueren Abteilungen des Kunstgewerbemuseums mit anschließender Aussprache".[11]) Sie trat vermutlich der SPD bei.


Nationalsozialismus/Flucht

1933 wurde die kompetente Spezialistin für rheinische bzw. rheinische jüdische Kunst auf der Basis des Gesetzes über das Berufsbeamtentum aus dem öffentlichen Dienst entlassen, also aus rassistischen Gründen. Vermutlich 1934 emigrierte sie über Italien in die USA. 1937 zog die Familie nach.


USA

Ab 1934 war Dr. Elisabeth Moses am M.H. de Young Memorial Museum in San Francisco angestellt. Sie nahm eine Stelle als curator of (?) decorative arts an und konnte weiterhin große Ausstellungen veranstalten. Sie veröffentlichte Werke zu Silber und Tapisserien des Hauses. 1949 und 1955 organisierte sie Ausstellungen zum 'Modern design' und war damit endgültig in der Neuzeit angekommen[12], auch zu jüdischen Objekten arbeitete sie thematisch weiterhin. Elisabeth Moses kehrte nie wieder nach Köln zurück, sie musste sich 1956 noch wegen ihrer Wiedergutmachungsangelegenheit (Entlassung) mit Kölner Behörden gerichtlich auseinandersetzen.[13]. Bis zu Ihrem Tod hielt sie Kontakt mit Vicki Baum, unterstützte diese z.B. 1949 bei den Recherchen zu einem Roman über San Francisco.[14] Ebenso war sie mit Carl [Karlheinz] Ostertag gut bekannt, einem mit Baum gemeinsamen Freund.[15] Bereits am 21.12. erhielt Vicki Baum die Nachricht vom Tod ihrer Freundin in einem Krankenhaus. "Sie hielt sich an ihrer Schreibmaschine fest, um nicht in Trauer zu ertrinken."[16] Inweiweit Elisabeth Moses zur literarischen Figur in einem der fast 30 Romane oder zahlreichen Novellen wurde, bleibt zu untersuchen.


Literatur von Elisabeth Moses

  • Pflanzendarstellungen in der deutschen Kunst des 14./15. Jahrhunderts. Ihre Form und ihre Bedeutung, in: Zeitschrift für christliche Kunst, 34.1921 S. 157 -165; Exzerpt der Dissertation http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/zchk1921/0169
  • Der Schirm. Kulturhistorische Studie. Im Auftrage der Firma Hieronymus Eck. Köln DuMont Schauberg, 1924
  • 'Die Abteilung 'Juden und Judentum im Rheinland' auf der Jahrtausendausstellung in Köln Juni-August 1925 , in: Soncino-Blätter 1 (1925/6), S. 86-88
  • Elisabeth Moses: Caspar Benedikt Beckenkamp (1747–1828). Wallraf-Richartz-Jahrbuch: Jahrbuch für Kunstgeschichte 1925, 2, S. 44–77
  • Kölner Frauentrachten, in: KÖLNISCHE ZEITUNG: Erste bis vierte Sondernummer zur Rheinischen Jahrtausendfeier. Köln, Mai bis August 1925
  • Der Schmuck der Sammlung W. Clemens [Kunstgewerbemuseum], DuMont-Schauberg 1927 (eine kunsthistorische Würdigung zu Ehren des 80. Geburtstages des Stifters)
  • Über eine Kölner Handschrift der Mischnah Thora des Maimonides. in: Zeitschrift für Bildende Kunst 60 (1926/7), S. 71-76 (Leipzig E.A. Seemann)
  • Aus der Geschichte der Juden im Rheinland, mit Beitr. von Adolf Kober, Elisabeth Moses ... [et al.]. Ihr Beitrag: Jüdische Kult- und Kunstdenkmäler in den Rheinlanden, in: Zeitschrift des Rheinischen Vereins für Denkmalpflege und Heimatschutz, Jg. 24 (1931), S. 99-201; neu hrsg. und eingel. unter: Zur Geschichte und Kultur der Juden im Rheinland.von Falk Wiesemann (Mitarbeit Friedrich Wilhelm Bredt), Düsseldorf Schwann 1985 ISBN 3-590-32009-5 und Patmos-Verlag ISBN 1988 3-590-32009-5
  • 150 Jahre Mode. Vom Rokoko zum Jugendstil, Katalog der Ausstellung April/Mai 1931 im Kunstgewerbe-Museum der Stadt Köln, [Köln], Kunstgewerbe-Museum, 1931 (anscheinend ist nur ein Exemplar in der Bibliothek des Rijksmuseum Amsterdam erhalten)
  • Elisabeth Moses: Agraffe, in: Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte, Bd. 1, Stuttgart 1933, Sp. 216-220 und andere Beiträge in diesem Fachlexikon. online http://rdk.zikg.net/gsdl/cgi-bin/library.exe?e=d-01000-00---off-0rdkZz-web--00-1--0-10-0---0---0prompt-10-TE--4--moses--Sec---0-1l--11-de-Zz-1---20-p-%5bmoses%5d%3aTE+--01-3-1-00-0-0-11-1-0utfZz-8-00&a=d&c=rdk-web&cl=&p=scan.fig&d=Dl37.3#mark
  • Three centuries of European and American domestic silver M. H. De Young Memorial Museum, San Francisco, October, 1938 (mit Walter Heil)
  • A gothic tapestry in the M.H. de Young Museum, in: The Pacific Art Review, 1(1941/2), S.3-4
  • Jewish ceremonial objects and items of historical interest, December14-29, 1945. Celebrating the ninety-fifth anniversary of the founding of the congregation Emanu-El, Arguello Boulevard and Lake Street, San Francisco, San Francisco Grabhorn Press, 1945

Literatur über Elisabeth Moses

  • Bettina Mosler: Elisabeth Moses, Kunsthistorikerin der Adenauerzeit in Köln : auf der Suche nach einer verlorenen Biographie. in: Kölner Museums-Bulletin, 1999, H. 4, S. 33f
  • Barbara Becker-Jákli: Das jüdische Krankenhaus in Köln. Die Geschichte des Israelitischen Asyls für Kranke und Altersschwache 1869-1945 (Schriftenreihe des NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln 11) Köln 2004
  • Barbara Becker-Jákli: Das jüdische Köln. Geschichte und Gegenwart. Emons Verlag, 2012 ISBN 3897058731
  • Um-Ordnung. Angewandte Künste und Geschlecht in der Moderne, hrsg. von Cordula Bischoff / Christina Threuter, Marburg Jonas, 1999 (zu Kunsthistorikerinnen)
  • Magistra-Arbeit von Hofner-Kulenkamp (bei Bischoff erwähnt)
  • Frauen und Exil : zwischen Anpassung und Selbstbehauptung, hrsg. von Claus-Dieter Krohn, = Exilforschung ; 11 (zu Kunsthistorikerinnen im Exil)
  • Tobias Arand: Die jüdische Abteilung der Kölner 'Jahrtausend-Ausstellung der Rheinlande' 1925, in: Jüdisches Leben im Rheinland, Vom Mittelalter bis zur Gegenwart, herausgegeben von Monika Grübel, Georg Möhlich, Böhlau 2005 S. 194 ff ISBN 3412112054
  • Jens Hoppe: Jüdische Geschichte und Kultur in Museen: Zur nichtjüdischen Museologie des des Jüdischen in Deutschland. Münster Waxmann Verlag 2002 ISBN 3-8309-1178-5
  • Elfi Pracht-Jörn: Jüdische Lebenswelten im Rheinland. Kommentierte Quellen von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart, Böhlau Verlag Köln 2011, ISBN Böhlau Köln, S. 223
  • Stadt Köln; Museum für Angewandte Kunst Köln (Hg.): Museum für Angewandte Kunst, Köln. Chronik 1888-1988. Museum, Kunst und Stadt im Spiegel der Presse. Unter Mitarbeit von Gerhard Dietrich, Köln Wienand 1988
  • Grenzen Überschreiten. Frauen, Kunst und Exil, hrsg. von Ursula Hudson-Wiedenmann/Beate Schmeichel-Falkenberg / Ursula Hudson-Wiedenmann. Würzburg Königshausen & Neumann 2005, ISBN 3-8260-3147-4
  • Eva Weissweiler: Notre Dame de Dada. Luise Straus-Ernst - das dramatische Leben der ersten Frau von Max Ernst, Köln : Kiepenheuer & Witsch , 2016.

Einzelnachweise

  1. Alle Angaben nach Barbara Becker-Jákli: Das jüdische Köln, S. 123-4. Dr. Paul Moses gründete den Kulturbund Rhein-Ruhr mit und engagierte sich noch länger kulturpolitisch in Köln.
  2. Nicole Nottelmann: Die Karriere der Vicki Baum. Eine Biographie. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2007, S. 154/5. Vicki Baum pflegte im Exil auch Kontakte zu dem früheren Chef der Elisabeth Moses, Karl With,
  3. vgl. Barbara Becker-Jákli: Das jüdische Köln, S.284
  4. vgl. Barbara Becker-Jákli: Das jüdische Köln, S.285
  5. vgl. Barbara Becker-Jákli: Das jüdische Köln, S.285
  6. vgl. Aus der Geschichte der Juden im Rheinland...
  7. Barbara Becker-Jákli: Das jüdische Köln, S.288
  8. vgl. Barbara Becker-Jákli: Das jüdische Köln, S.290
  9. vgl. Barbara Becker-Jákli: Das jüdische Köln, S. 292
  10. Tobias Arand, in: Grübel/Mölich, S. 198
  11. Ankündigung Archiv Gedok
  12. Grübel/Mölich, S. 198
  13. Tobias Arand
  14. Vicki Baum "... ließ sich von ihrer ältesten Freundin Elisabeth Moses mit San Franciscos 'sogenannter Gesellschaft' bekannt, (sic) machen, 'ehemalige Gesellschaftslöwinnen und zahnlose Löwen', die das große Erdbeben 1906 noch persönlich miterlebt hatten.", Nottelmann, S. 336. Diese Passage klingt, als sei Moses in San Francisco gut vernetzt gewesen.
  15. Ostertag war ein ehemaliger Schauspieler, Ballett-Tänzer aus Stuttgart und in den USA u.a. Produzent des Formats 'Voice of America'. Vgl. Nottelmann, S. 318 ff.
  16. Nottelmann, S. 363.

FrauenGeschichtsWiki ist ein Projekt des Kölner Frauengeschichtsverein e.V. Viele Informationen stammen aus unserem Vereinsarchiv. Wir freuen uns über weitere Hinweise an kfvg@netcologne.de