Edith Kiesewalter

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Edith Gwen Kiesewalter, verh. Bernhardt (* 27.12.1951 in Osnabrück, + 20. Februar 2011 in Hamburg) war feministische Pädagogin, Therapeutin und Heilpraktikerin; Mitgründerin der Vereine Frauen lernen Leben, Kölner Frauengeschichtsverein sowie Rock Rose


Jugendzeit

Edith Kiesewalter hatte einen Zwillingsbruder und eine Schwester. Ihr Vater war Metallarbeiter und starb, als sie 13 Jahre alt war. Nach dem Schulabschluss machte sie eine Lehr zur Rechtsanwaltsfachangestellten in Osnabrück. Ihrem politischen Bewusstsein widersprach die Arbeit in der Kanzlei und sie überwarf sich nach der Ausbildung mit ihren Vorgesetzten, daher beendete sie diesen Erwerbszweig. Bedingt durch den Umzug ihres Partners und beseelt von dem Wunsch, aus der niedersächsischen ‚Provinz’ herauszukommen, zog sie nach Berlin, wo sie auf einem Abendkolleg das Abitur nachholte. In dieser Phase ihres Lebens sympathisierte sie mit Kommunistischen Gruppen an der Hochschule.


Politisches Engagement und Studium

Im Jahr 1976 zog Edith Kieswalter nach Köln, wo sie zum SS 1976/77 ein Studium der Diplompädagogik an der Pädagogischen Hochschule (PH) Köln aufnahm. Auch hier engagierte sie sich bald politisch und arbeitete in der Fachschaft mit.


Frauenbewegung

An der PH bildete sich um 1977/78 eine Frauengruppe, die durch die Studentinnen eines Dozenten, Peter Palla, initiiert war. In seinen Seminaren wurde verstärkt der subjektive Faktor in Wissenschaft und Gesellschaft bearbeitet. Obwohl die Studentinnen sich ursprünglich zusammen gefunden hatten, um den feministischen Aspekt des Werks von Karl Marx' „Das Kapital“ zu erforschen, tauschten die Aktivistinnen den Inhalt bald aus und behandelten gesellschaftliche Themen, die die 'weibliche' Lebenswelt und deren Schwierigkeiten zum Thema hatten. Edith Kiesewalter war laut der Erinnerung von Weggefährtinnen eine kraftvolle, lebendige Teilnehmerin dieser Gruppe. Als die Begeisterung für den indischen Glaubenslehrer Baghwan Ende der 1970er Jahre einzelne Frauen erfasste, führten kontroverse Positionen über diese Entwicklung zur Teilung der Gruppe. Zwei kleinere Gruppen definierten sich nun als Teil der autonomen Frauenbewegung.

Edith Kiesewalter fühlte sich immer stärker mit dieser autonomen, d.h. nicht parteipolitisch gebundenen Frauenbewegung verbunden, sie bewegte sich in der Freizeit mehr und mehr in Frauenkreisen, war im Frauenzentrum in der Eifelstraße 33 aktiv und diskutierte über gesellschaftlich-utopische Fragen. Die Studentin zog in eine Frauen-Wohngemeinschaft und ging bald auch Frauenbeziehungen ein. Ende der 1970er Jahre engagierte sie sich in der noch jungen Anti-AKW-Bewegung, und fuhr z.B. in den Sommermonaten mit dem Anti-Atom-Bus durch ganz Deutschland. Schon vor dem Erstarken der deutschen Anti-Atombewegung klärte das Frauen-Kollektiv um Zita Termeer auf Marktplätzen mit Theater und Musik über die Folgeschäden der Atomenergie auf. In ihrer Diplomarbeit mit dem Titel "Erziehung zur Weiblichkeit – Zur Geschichte des weiblichen Persönlichkeitsbildes im Hinblick auf psychisches Leiden" – widmete sie sich dem Frauenbild und Frauenleiden im 19. Jahrhundert (Mai 1983). Die Beschäftigung mit dem körperlichen und seelischen Beschädigungen von Frauen und das Anliegen, Wege zur Unterstützung und Heilung zu finden, waren ihr lebenslanges Movens.


Reiselust

Großen Eindruck hinterließ eine halbjährige Reise durch Südamerika mit drei Studienkolleginnen und Freundinnen im Jahr 1980 auf die erlebnishungrige Frau. Sie entdeckte ihre Liebe für die südamerikanische Musik, vor allem von Mercedes Sosa und begann sich für Ethno-Medizin zu interessieren. Von Köln aus erlernte sie das Segeln und machte mehrere Turns mit Frauencrews mit. Mit ihrem Ehemann und einer kleinen gemischten Crew versuchte sie eine Atlantiküberquerung, die jedoch aufgrund stürmischer See und eines Motorschadens auf den Bermudas endete. Reisen blieb für sie immer ein wichtiges Weiterbildungs- und Freizeitvergnügen. Auf einer Reise durch das alte 'Keltengebiet' Irland, die sie allein mit Fahrrad und Zelt unternahm, entstand in ihr der Wunsch, sich in „Gwen“ umzubenennen.


Frauen lernen leben

1981 - noch während des Studiums - gründete Edith Kiesewalter mit anderen Spezialistinnen zusammen die erste psychologisch ausgerichtete Frauenberatungsstelle von NRW, [Frauen lernen leben] (heute Frauenleben). Das Prinzip Frauen beraten Frauen erwies sich angesichts der immer häufiger aufgedeckten Fälle von Vergewaltigung, häuslicher Gewalt und vor allem Missbrauch in der Familie als wesentlicher Schritt zum Ernst-Nehmen und Sichtbarmachen dieser gesellschaftlichen Problematiken. Seit Anfang der 1980er Jahre kannte die Pädagogin die Therapiemethode Biodynamik, einer Körpertherapie, 1985 begann sie selbst eine Biodynamikausbildung. Die dabei erlernte 'Reise in den Körper' war ihr im späteren Leben für das Verständnis psychischer Haltungen wesentlich. Sie erwarb in dieser Zeit die Zulassung als Heilpraktikerin.


Kölner Frauengeschichtsverein

Nach Beendigung des Studiums legte sie einen weiteren Schwerpunkt ihres Berufsleben auf die Erwachsenenbildung. 1984 begann sie, zusammen mit der Historikerin Irene Franken Stadtrundgänge zur Frauengeschichte in Köln zu konzipieren und ab 1985 durchzuführen. Auch initiierte sie 1986 den Kölner Frauengeschichtsverein mit; bis zu ihrem Wegzug aus Köln 1989 brachte sie hier ihre pädagogischen Erfahrungen ein. Sie gab des weiteren Seminare an der Universität Dortmund (Themen Wahrnehmung, Frauen und Psychologie, Therapieformen usf.) und hielt Vorträge.


Hamburg

1989 verließ Edith Kiesewalter Köln und zog zu ihrem späteren Ehemann nach Hamburg, sie benannte sich in Gwen um und nahm mit ihrer Heirat den Namen Bernhardt an. Sie lebte auch in Hamburg ein intensives Leben: Mit ihrem Mann, ebenfalls Psychotherapeut, erkundete sie spirituelle Pfade und begann das lang ersehnte Leben mit Tieren. Ihr Kinderwunsch erfüllte sich dagegen nicht. Auch in Hamburg baute sie neue Netzwerke auf, u.a. einen Frauen-Homöopathiekreis.


Heilung - Krankheit

Gwen Edith Bernhardt begann am neuen Wirkungsort, sich in klassischer Homöopathie fortzubilden und legte fortan den beruflichen Schwerpunkt aufdie Heilung. Sie eröffnete eine Privatpraxis für Psychotherapie und kombinierte die Homöopathie mit körperorientierter Psychotherapie und schamanistischer Ritualarbeit, womit sie große Erfolge aufweisen konnte. Sie betrieb und unterrichtete Chi Gong und war Mitglied einer Ridhwan-Gruppe.

Anfang der 1990er Jahre brach eine Krebserkrankung, deren erste Anzeichen sich bereits in Köln gezeigt hatten, mit neuer Härte aus. Sie vertraute völlig der Homöopathie und anderen alternativen Heilmethoden, reiste zu Schamanen nach Nepal, zu Ayurvedischen Ärzten in Indien und geistigen Heilern in aller Welt und setzte sich auf allen Ebenen mit der Erkrankung auseinander. Ihr Anliegen war es, stets im Einklang mit Körper, Geist und Seele zu leben und ihre Bewusstheit wach und offen zu halten.


Rock Rose

Über 20 Jahre hat die Pädagogin mit Krebs gelebt, ohne sich daran operieren zu lassen. Durch die Beschäftigung mit der Krebserkrankung wurde Gwen Edith Bernhardt selbst zur Fachfrau und gründete den Verein Rock Rose e.V., der ein Beratungsangebot für an Krebs erkrankte Menschen bereitstellte, die sich im Dschungel der Vielfalt verschiedener alternativer Heilmethoden verloren fühlten. Das Projekt blieb jedoch aufgrund der Schwere ihrer Erkrankung in den Anfängen stecken. Im Februar 2011 verstarb sie - nach sehr langer und erfolgreicher ‚Gegenenergie’. Ihr Leben hatte in all den Jahren trotz der Erkrankung eine hohe Lebensqualität behalten. Die Abschiedsfeier unter ihrem geliebten Eichenbaum am offenen Sarg im eigene Garten spiegelte die große Zuneigung von Menschen aus allen Lebensphasen. Gwen Edith Bernhardt hatte dank ihrer spontanen, offenen und interessierten Art die unterschiedlichsten Menschen fasziniert.


Nachruf

Ihre engste Freundin aus Köln, Karin K., sagte zum Abschied:

Ich sehe dich vor mir: wie du dich mutig immer auf´s Neue in den Fluss des Lebens geworfen hast – mit unbändiger Sehnsucht nach der Fülle des Lebens, nach Buntheit, Leidenschaft, Lust, nach Freude und Liebe. Von Anfang an erlebte ich die Kämpferin in dir, in vielen unterschiedlichen Stationen deiner Reise, die alle mit Menschen und Beziehungen zu tun hatten: erst in der linken Unipolitik, im Fachbereich Diplompädagogik, dann kam die Frauenbewegung in unser Leben und die Amazone in dir kam zum Vorschein. Und weiter führte dich die Reise über viele berufliche Stufen in den Beruf als Psychotherapeutin und Homöopathin: du liebtest es, anderen Menschen zu helfen sowie den Tieren und auch hier ungewöhnliche, neue Ansätze zur Heilung zu finden. Du hast das gesucht, was hinter den sichtbaren Grenzen liegt, warst offen für neue Erfahrungen und hast Manches riskiert, auch Schmerz und Leid... Du warst unermüdlich in Bewegung, aus unsichtbaren Quellen Energie schöpfend. Die Suche nach dem vollen wahren Leben hat dich zur Spiritualität geführt. ... Ich erlebte als Geschenk, dich in deiner Entwicklung hin zur Erkenntnis der inneren Fülle begleiten zu dürfen. Deine Krankheit hat dich mehr und mehr in der äußeren Bewegung eingeschränkt. Mut, Kraft und Vertrauen haben dich getragen. ... Die Freude über das Leben hat dich erfüllt, der Friede mit deinem Leben hat sich vertieft, die Liebe hat aus dir gestrahlt, alle um dich herum haben sie gespürt.


Literatur von Edith Kiesewalter

  • Gwen Edith Kiesewalter [und Irene Franken]: Touristin in der eigenen Stadt - Historische Stadtrundfahrten für Frauen in Köln, in: Frauen zwischen Anpassung und Widerstand. Beiträge der 5. Schweizerischen Historikerinnentagung, 1990 (=Schweizerische Tagung für Geschlechtergeschichte, Band 5) ISBN 978-3-905278-58-3

Literatur über Edith Kiesewalter


Einzelnachweise


FrauenGeschichtsWiki ist ein Projekt des Kölner Frauengeschichtsverein e.V. Viele Informationen stammen aus unserem Vereinsarchiv. Wir freuen uns über weitere Hinweise an kfvg@netcologne.de

--Köfge 22:18, 15. Aug. 2011 (CEST)